Jung und stark übergewichtig - Wie Sie dagegen ankommen
Experten-Chat mit Dr. Wiegand

- Dr. Susanna Wiegand
Am 29. September 2011 findet unsere Experten-Sprechstunde mit Dr. med. Susanna Wiegand zum Thema "Jung und stark übergewichtig - Wie Sie dagegen ankommen" statt. Sie beantwortet Ihre Fragen live zwischen 17 und 19 Uhr. Sie ist Leiterin der Adipositassprechstunde (BABELUGA), Interdisziplinäres SPZ der Charité- Kinderklinik, Universitätsmedizin Berlin und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter der DAG.
Svenja fragt:
Meine Freundin ist total dünn. mache mir oft sorgen, dass sie magersüchtig ist. Diabetes bekommt man ja, wenn man dick ist. Kann man auch Diabetes kriegen, wenn man zu dünn ist?
LG
Svenja
Dr. Wiegand:
Ganz allgemein haben Menschen mit Diabetes entweder einen Typ 1, d.h.
eine Immunreaktion des Körpers auf die Inselzellen (braucht immer
Insulin und ist nicht direkt vom Körpergewicht abhängig) oder Typ 2
(meist mit Übergewicht; das Insulin wirkt nicht mehr so gut).
Zusätzlich gibt es eine ganze Reihe von anderen seltenen
Diabetesformen.
ABER: Wenn ihre Freundin stark abgenommen hat, sollte sie auf jeden
Fall zum Arzt gehen; wenn sie dabei viel Durst hat und viel Wasser
lassen muss, kann auch ein Typ 1 Diabetes dahinter stecken. Ansonsten
gibt natürlich noch viele andere mögliche Gründe für eine niedriges
Körpergewicht (z.B. Ess-Störung usw.).
VG
S. Wiegand
Werner fragt:
Betreff: Adipositas
Sehr geehrte Frau Dr. Wiegand,
mit 1,67 cm und ca. 94 kg habe ich zuviel Gewicht. Vor allem der Bauchumpfang ist zu groß. Ich bin Diabetiker Typ 2 seit Dezember 2007. Meine Großmütter hatten auch beide Diabetes Typ 2. Meine Mutter hat ebenfalls Diabetes Typ 2. Meine Vater hatte auch Diabetes Typ 2.
Mein letzter HBA1c Wert liegt bei 6,15.
Der HbA1c Wert war noch nicht höher wie 6,2. Unser Hausarzt ist auch gleichzeitig mein Diabetologe. Ich bin seit Februar 2008 im DMP Diabetes Typ 2. Einmal im Monat kommt eine Podologin zu uns ins Haus. Bin Mitglied im Diabetikerbund und in DiabetesDE.
Hier habe ich von ernährungsmedizinischen Behandlungen/Beratungen, wenn Übergewicht und Diabetes vorliegen gelesen. Sollte ich meinen Diabetologen darauf ansprechen? Vielleicht wäre dies eine Möglichkeit mein Gewicht zu reduzieren.
Ich bin ein Erwachsener, vielleicht können Sie die Frage trotzdem beantworten, ich würde mich freuen. Dank im Voraus.
Werner
Dr. Wiegand:
Bei Typ 2 Diabetes und erheblichem Übergewicht gehört eine
Ernährungstherapie mit dem Ziel Gewicht zu reduzieren zur
Basisbehandlung und sollte deshalb unbedingt gemacht werden. Genauso
wichtig ist natürlich ausreichend Bewegung.
VG
S. Wiegand
Werner:
Hallo Frau Dr. Wiegand,
ich freue mich über Ihre Rückantwort, vielen Dank.
Ach so das gehört zur Basisbehandlung. Da könnte ich beim nächsten Besuch der Hausarzt Praxis (Hausarzt und Diabetologe) nachfragen.
Ich beziehe das Diabetes Journal im ABO und informiere mich im Internet über Diabetes. Aber ich wusste nicht, dass Ernährungsberatung mit zur Basisbehandlung gehört.
Nochmals Vielen Dank.
Gruß
Werner
Maren S. fragt:
Liebe Frau Wiegand,
man hört ja ständig, dass Typ-2-Diabetes durch Abnehmen weggeht. Ich habe seit der Geburt meines Kindes auch Diabetes. Allerdings bin ich schon stark am abnehmen. kann sich das auch positiv verändern?
Mit freundlichen Grüßen
MS
Dr. Wiegand:
Wenn Sie seit der Geburt ihres Kindes einen Diabetes haben, dann ist
damit die Diagnose des Diabetes-Typs nicht sicher, vielmehr werden in
der Regel zusätzliche Untersuchungen gemacht (Diabetes-Antikörper,
evt. Insulin- oder C-Peptid-Messungen; evt. genetische
Untersuchungen). Möglicherweise hat ihr Diabetes-Arzt/Ärztin das aber
bereits gemacht. Bei einem Typ 2 Diabetes, sofern der Körper noch
genug eigenes Insulin produziert, gibt es eine Chance, dass nach einer
Gewichtsabnahme und bei guter Ernährung und ausreichend Bewegung keine
zusätzliche Behandlung (Tabeletten oder Insulin) notwendig ist.
Allerdings muss auch dann der Stoffwechsel regelmäßig kontrolliert
werden, um Veränderungen rechtzeitig zu erkennen.
VG
S. Wiegand
Paul L. fragt:
Ich habe von einer Behandlung von Adipositas über elektrische Magenstimulationen gehört. Ist das sinnvoll bzw. auch im Kindesalter machbar?
Dr. Wiegand:
Nach meinem Kenntnisstand gehört diese Methode nicht zu den
evidenz-basierten Therapieverfahren- für Kinder kommt das sicher
NICHTin Frage!
VG
S. Wiegand
Birgit fragt:
Ab wann gilt mein Kind als übergewichtig? Lässt sich das nur über den BMI feststellen? laut BMI ist mein Kind übergewichtig: Ihre Körpergröße ist 120 cm und sie wiegt 35 kg. laut Berechnung beträgt Ihr Body-Mass-Index 24,3. Welche Maßnahmen empfehlen Sie? Sie macht ungern Sport. Reicht es durch Ernährung?
Danke sehr und viele grüße
Birgit K
Dr. Wiegand:
Um das genau sagen zu können, braucht man Gechlecht und Alter (aber
120 cm und 35 kg ist sehr wahrscheinlich ein Übergewicht). Unter
www.mybmi.de kann man die Daten auch eingeben- oder einfach noch Alter
+ Geschlecht nachliefern, dann rechnen wir ;-)
VG
S. Wiegand
Nadine fragt:
Zur Ernährung: Gilt für übergewichtige Diabetiker beim Thema Ernährung dasselbe wie für übergewichtige Nicht-Diabetiker (also Obst/Gemüse/fettarm…) oder muss man speziell auf etwas achten?
Dr. Wiegand:
Für Menschen mit Diabetes gelten im Prinzip die gleichen Empfehlungen,
wie für Menschen ohne Diabetes. Bei Typ 2 Diabetes muss ja oft das
Gewicht reduziert werden, sodas dann die Ernährung ca. 500 kcal/Tag
unter dem Bedarf liegen sollte, um eine langfristige Gewichtsabnahme
zu erreichen.
Freie Zucker machen ja bekanntlich Blutzuckerspitzen, sodass stark
zuckerhaltige Lebensmittel eher ungünstig sind. Im Gegensatz dazu
verlangsamen Ballaststoffe den BZ-Anstieg und sind deshalb günstig
(Gemüse; Vollkorn & Co.)- aber das ist ja den meisten bekannt.
VG
S. Wiegand
Cora fragt:
Zahlt die Krankenkasse operative Eingriffe oder ernährungsmedizinische Behandlungen/Beratungen, wenn Übergewicht und Diabetes vorliegen?
Dr. Wiegand:
Die Behandlung einer Adipositas wird von den Kassen bezahlt, wenn
zusätzliche Risikofaktoren oder Begleit- bzw. Folgeerkrankungen (z.B.
Typ 2 Diabetes mellitus) vorliegen. Basis ist immer eine sogenannte
"Lifestyle-Intervention", also eine Ernährungsumstellung und
Steigerung der körperlichen Aktivität. Wenn alle gut mitmachen ist das
wirkungsvoll und hat nur sehr wenige Nebenwirkungen.
Adipositas-Chirurgie kommt nur bei Erwachsenen mit extremer Adipositas
und schweren Komplikationen (Jugendliche nur in Ausnahmefällen) in
Frage, wobei es eine lange Liste an Kriterien gibt, die erfüllt sein
müssen, zumal es sich (außer beim Magenband) um einen Eingriff
handelt, der nicht umkehrbar ist und teilweise eine lebenslange
Behandlung mit Nahrungsergänzungsmitteln erfordert.
VG
S. Wiegand
Horst G. fragt:
Ich nehme für meinen Diabetes Metformin. Muss ich die Dosis bei einer Diät anpassen? Worauf muss ich da achten?
Dr. Wiegand:
Die Metformindosis muss nicht an die BEs angepasst werden, da keine
direkte Blutzuckersenkung erreicht wird, sondern die Insulinwirkung
verbessert wird.
VG
S. Wiegand
Tom K. fragt:
Liebe Frau Dr. Wiegand,
ich habe vor drei Jahren Diabetes bekommen und bin ( auch durch das viele Insulin) etwas übergewichtig. Welche Therapien sind dauerhaft hilfreich, wenn Diabetes festgestellt wurde? Kann ich als Diabetiker auch gewichtssenkende Medikamente zu mir nehmen oder sind die mit meiner Insulintherapie nicht vereinbar?
danke und Gruß
Tom König
Dr. Wiegand:
Nina R. fragt:
Betreff: Bauchfett
Guten tag. Ich bin 17. Ich habe gehört, dass nur übermäßiges Fett in der Bauchregion gefährlich sein soll. Ich habe aber meine "Problemzonen" im Hintern und auf den Hüften. Habe ich trotzdem ein größeres Risiko für Erkrankungen?
Die Fettpolster bekomme ich einfach nicht weg, obwohl ich viel Bewegung habe
LG
Nina
Dr. Wiegand:
Hallo Nina,
das "Bauchfett" ist wirklich für den Stoffwechsel eher ein Problem,
als die Problemzonen (die können wirklich sehr hartnäckig sein). Am
einfachsten den Bauch- (und Hüftumfang) messen, dafür gibt es
Normalwerte zum Vergleich.
VG
S. Wiegand
Silke fragt:
Betreff: Magen-OP
Sehr geehrte Frau Dr. Wiegand,
mein Sohn ist in der 3. Klasse und seit Schulbeginn hat er rasant zugenommen. Wir haben das Essverhalten nicht verändert und seit er zugenommen hat, eher noch reduziert. Wir vermuten, dass er in der Schule auch von anderen Kindern immer mal was Süßes zugesteckt bekommt, doch so viel kann es nicht sein und das Taschengeld haben wir auch in maßen ausgegeben. Der Arzt konnte keine Stoffwechselerkrankung feststellen (Schilddrüse, Diabetes etc wurden getestet). Prinzipiell würde ich gerne wissen: Ist eine Magenverkleinerung bei Kindern empfehlenswert? In welchem Fall oder werden sie überhaupt durchgeführt?
Vielen dank für Ihre Antwort und herzliche Grüße aus Köln
Dr. Wiegand:
Eine OP bei Übergewicht kommt für Kinder überhaupt nicht in Frage-
diese Verfahren werden nur in Fällen mit extremer Adipositas bei
Erwachsenen und in absoluten Einzelfällen bei Jugendlichen diskutiert,
aber es gibt eine lange Liste von Bedingungen, die erfüllt sein
müssen. Für Kinder gibt es gute Behandlungsprogramme, die auch wirksam
sind, wenn alle mitmachen (Liste unter www.a-g-a.de)
VG
S. Wiegand
Flo fragt:
Betreff: BMI
Ich habe folgende Frage: Ab welchem BMI sollte man zum Arzt gehen bzw. ist eine Therapie notwendig?
Viele Grüße
Flo
Dr. Wiegand:
Ab BMI 25 kg/m² Übergewicht, ab 30 Adipositas (dann sollte ein
Erwachsener zum Arzt gehen). Für Kinder gibt es Extra-Tabellen, je
nach Alter/Geschlecht (s. www.a-g-a.de)
VG
S. Wiegand
kBe fragt:
Betreff: Milch
Milch steht immer wieder im Ruf schlecht für Kinder und auch Erwachsene zu sein. Habe ich grad wieder gelesen. Was ist Ihre Meinung? Sollten dicke Kinder nicht besser darauf verzichten?
Dr. Wiegand:
Milch & Milchprodukte (Jogurt, Quark, Käse) sind sehr gute
Lebensmittel, auch und insbesondere für Kinder, speziell wegen des
Calciumgehalts!! Bei Übergewicht mit Milch mit 1,5% Fett verwenden!
Problematisch sind die gesüßten Milchprodukte, z.B. Fruchtjogurts,
Puddings usw., da sie teilweise sehr viel Zucker enthalten.
Man muss schon genau auf die Verpackung schauen, um den Zuckergehalt
wirklich zu erfahren. Also am einfachsten z.'B. Naturjogurt und z.B.
etwas Obst oder dazu!
VG
S. Wiegand
Christopher H. fragt:
Hallo Frau Wiegand,
bei welchen Lebensmitteln sehen Sie die größte Gefahr? Ich meine, dass Chips, Cola und Co fett machen ist klar. Aber gibt es gewisse Fallen, bei denen man denkt, dass man kalorienarm isst, in Wirklichkeit aber genauso viel drin steckt, wie in den offensichtlich ungesunden Sachen?
VG
Christopher
Dr. Wiegand:
Hallo Christopher,
am schwierigsten sind die Lebensmittel, die hoch verarbeitet sind und
bei denen nicht genau klar, welche Stoffe sie enthalten. Also am
besten einfache, unverarbeitete (natürliche) Lebensmittel- alles
andere ist eher ein Mengenproblem.
S. Wiegand



