Schwangerschaftsdiabetes und seine Folgen

Die PINGUIN-Studie sucht noch Teilnehmerinnen, um die Entwicklung von Typ-2-Diabetes nach einer Entbindung zu verhindern oder zu verzögern...weitere Informationen.

Diabetes und Schwangerschaft - mit Insulin zu einem gesunden Baby

Experten-Chat mit PD Dr. med. Michael Hummel

PD Dr. med. Michael Hummel
PD Dr. med. Michael Hummel

Am 28. April 2011 findet zwischen 17 und 19 Uhr unsere Experten-Sprechstunde mit PD Dr. med. Michael Hummel zum Thema "Diabetes und Schwangerschaft - mit Insulin zu einem gesunden Baby" statt. Sie können Ihre Fragen bereits ab dem 10. April 2011 über das Kontaktformular schicken.

H. fragt:

Ich bin Typ 2 Diabetikerin und habe eine Frage zur Schwangerschaft. Kann ich mit zusätzlichen Medikamenten/Zusatzstoffe/Vitamine/Ernährung das Risiko für mein Kind verringern? Den BZ hab ich schon im Rahmen. Ich würde aber gerne noch mehr machen, als nur das. Möchte auf jedenfall das Risiko einer Fehlbildung verhindern.

PD Dr. Hummel:

Liebe Frau H., vor allen 2 Maßnahmen sind entscheidend um das Risiko für das Kind zu reduzieren:
1. Reduktion des Übergewichts (falls vorhanden) VOR der Schwangerschaft. Dieser Punkt ist entsprechend der aktuellen Datenlage der aller wichtigste!
2. Gute BZ-Stoffwechsellage bei Empfängnis und während der Schwangerschaft (HbA1c 5,5% in der Schwangerschaft)

Ein Benefit von anderen Medikamenten, Nahrungsergänzungsstoffen oder Vitaminen ist nicht nachgewiesen und daher nicht notwendig und auch nicht sinnvoll (ausser natürlich Folsäure und Jodid -Substitution in der Schwangerschaft). Ernähren Sie sich während der Schwangerschaft vernünftig und ausgewogen, achten Sie auch auf ausreichend Bewegung! Diese beiden letzten Maßnahmen helfen definitiv. Viele Grüße, Michael Hummel

Silke fragt:

Sehr geehrter Herr Dr. Hummel, Ich mache eine Basis Bolus Insulin-Therapie. Das funktioniert gut. Im nächsten Jahr möchte ich gerne schwanger werden und bin am Überlegen, ob ich auch eine Pumpe umsteigen soll. Ist das von Vorteil bei einer Schwangerschaft oder kann ich beim Altbewehrten guten Gewissens bleiben?
MfG Silke K.

PD Dr. Hummel:
Hallo, eine Umstellung auf eine Insulinpumpe in der Schwangerschaft ist nur dann sinnvoll und notwendig, wenn trotz aller Bemühungen mit der konventionellen ICT keine gute BZ-Stoffwechsellage zu erreichen ist.
Sind Sie also mit der ICT derzeit wirklich gut eingestellt (HbA1c ca 6,5% und höchstens 1 leichte Hypo pro Woche), dann besteht keine Notwendigkeit auf eine Insulinpumpe in der Schwangerschaft (bzw vor der Schwangerschaft) umzusteigen.

Viele Grüße, Michael Hummel

Helmut B. fragt:

Ich habe gehört, dass Schwangerschaftsdiabetes mit einem starken Viatmin D-Mangel einhergeht. Sollte man Vitamin D-Präparate im Vorfeld oder während der Schwangerschaft einnehmen – kann man so das Risiko minimieren?

PD Dr. Hummel:

Lieber Herr B., nein, in der Regel besteht in Deutschland bei gesunder, ausgeglichener Ernährung kein Bedarf irgendwelche Vitamine zusätzlich einzunehmen. Auch eine Vitamin D Gabe vor oder während der Schwangerschaft ist im Regelfall nicht notwendig. Sollte jedoch ein Vitamin D Mangel bestehen, sollte dieser abgeklärt und ggf. ausgeglichen werden. (Vitamin D ist derzeit offentsichtlich ein "Mode"-Vitamin, es wird für zahlreiche Indikationen trotz nicht ausreichender Datenlage empfohlen, so wie früher z.B. Vitamin E).
Wichtig ist, dass in der Schwangerschaft Folsäure und Jodid substituziert wird.
Viele Grüße, Michael Hummel

Conny G. fragt:

Besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eines Typ 1-Diabetikers auch Diabetes vererbt bekommt? Ich habe zwar kein Diabetes, jedoch mein Mann hat Typ 1.

PD Dr. Hummel:

Liebe Frau G., das Kind hat rein statistisch ein Risiko von 5% auch an Typ 1 Diabetes zu erkranken (in der deutschen Allgemeinbevölkerung beträgt das Risiko 0,3%). D.h. aber auch: Höchstwahrscheinlich - eben zu 95% - bekommt es keinen Diabetes. Viele Grüße, Michael Hummel

Bernadette fragt:

Hallo Herr Dr., Welche Insuline raten Sie Schwangeren Diabetikern? Ich nehme momentan Novorapid und Levemir. Mein Arzt hat mal gesagt, ich müsste Levemir besser austauschen. Aber warum?

PD Dr. Hummel:

Hallo, ja, Levemir muss in der Schwangerschaft abgesetzt werden. Es gibt derzeit keine Zulassung für dieses Insulin in der Schwangerschaft. Allerdings wird demnächst eine große Studie zu Levemir-Gabe in der Schwangerschaft veröffentlicht. In bisherigen, kleineren Studien gab es keine Bedenken und Komplikationen bei Levemir-Gabe in der Schwangerschaft, aber wie gesagt: das Medikament ist (noch) nicht in der Schwangerschaft zugelassen (das gleiche gilt für Insulin glargin=Lantus). Ihr Diabetologe sollte die Therapie also auf humanes Basal-Insulin umsetzen.
Novorapid ist in der Schwangerschaft zugelassen. Kurzwirksame Analoga haben in der Schwangerschaft Vor- und Nachteile und es muss individuell entschieden werden, ob es eingesetzt wird. In der Schwangerschaft sollen ja möglichst mehrere, kleinere Mahlzeiten eingenommen werden; oft ist es daher einfacher, konventionelles kurzwirksames Insulin zu verwenden, da damit die Zwischenmahlzeiten gut abgedeckt werden können. Kommen Sie aber sehr gut mit dem kurzwirksamen Insulinanaloga zurecht, dann können Sie es auch in der Schwangerschaft weiterbenutzen.

Viele Grüße,
Michael Hummel

Böhm fragt:

Eine Freundin erzählte mir, dass es ein 2-Stufen-Modell zur Diagnose von Schwangerschaftsdiabetes gäbe. Darin wird der Schwangeren ein Glas Zuckerwasser verabreicht und danach in mehreren Blutproben überprüft, ob sie Schwangerschaftsdiabetes hat. Ist dies bereits in den Arzt-Praxen üblich? Wann wird danach untersucht?

PD Dr. Hummel:

Ja, so in etwa funktioniert der Suchtest auf Schwangerschaftsdiabetes. Zwischen der 24.-28. SSW. sollte bei jeder Schwangeren dieser sogenannte orale Glukosetoleranztest (oGTT) durchgeführt werden. Dabei muss die Schwangere morgens nüchtern um 8.00 in die Praxis kommen, eine Zuckerlösung mit 75 gr Glukose rasch trinken, es wird dann neben dem Blutzuckerwert vor diesem Test auch 60 und 120 min nach dem Trinken der Zuckerlösung ein Blutzuckerwert bestimmt. Die Testung der BZ-Werte darf NICHT mit einem Blutzucker-Handmessgerät durchgeführt werden - diese sind für diese diagnostische Maßnahme zu ungenau. Während des Tests muss man übrigens in der Praxis sitzen und darf nicht z.B. einkaufen gehen etc..
Dieser Test kann bei Diabetologen, oft aber auch beim Gynäkologen oder Hausarzt durchgeführt werden.

viele Grüße, Michael Hummel

kbirk fragt:

Kann ich auch mit einem HBA1C-Wert von 7,5 schwanger werden? Den habe ich schon seit einem Jahr stabil. Oder sit das Risiko noch zu groß?

PD Dr. Hummel:

Idealerweise sollte der HbA1c so nah wie möglich an der Normgrenze liegen, also etwa bei zumindest 6,5%. Hierfür sollte z.B. auch erwogen werden auf eine Insulinpumpenbehandlung umzusteigen, wenn unter der ICT Therapie der HbA1c nicht weiter absinkt. Ggf. können zur BZ-Optimierung z.B. auch Messungen mit einem kontinuierlichen Glukosesensor durchgeführt werden. Vielleicht schafft es ihr Diabetologe sogar diese Sensormessungen  vor und in der Schwangerschaft von der Krankenkasse erstattet zu bekommen. Auf jeden Fall müssen Sie natürlich gut mit Ihrem Diabetologen zusammenarbeiten.
Allerdings gelingt es manchmal trotz allen Bemühungen nicht, den HbA1c z.B. niedriger als 7,5% zu senken. Falls dies bei Ihnen so ist, würde ich totzdem zu einer Schwangerschaft raten, falls der Wunsch nach einem Kind da ist. Es muss Ihnen nur bewusst sein, dass das Risiko für das Kind bzgl. Komplikationen etwas erhöht ist.
Also vielleicht nochmal intensiv in Zusammenarbeit mit dem Diabetologen versuchen innerhalb des nächsten halben Jahres den HbA1c zu reduzieren!

P. fragt:

Meine Schwester hatte Gestationsdiabetes bei ihrer ersten Schwangerschaft. Das Baby kam per Kaiserschnitt gesund zur Welt. Habe ich jetzt auch ein erhöhtes Risiko Diabetes zu bekommen, wenn ich schwanger werde? bei ihr ist es danach auch nciht mehr weggegangen.

PD Dr. Hummel:

Liebe Frau P., ja, wenn in Ihrer Familie eine Belastung mit Typ 2 Diabetes besteht (in diesem Fall zumindest Ihre Schwester), sollten Sie auch auf jeden Fall bei Schwangerschaftseintritt und ggf. zwischen der 24.-28. Schwangerschaftswoche eine Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes durchführen lassen.
Falls Sie übergewichtig sind, wäre es sehr gut, wenn Sie VOR dem Schwangerschaftseintritt eine Gewichtsnormalisierung anstreben, damit können Sie das Diabetesrisiko eindeutig senken!
Viele Grüße, Michael Hummel

Mareike fragt:

Ich musste leider ganz schlechte Erfahrungen machen. Bei meiner letzten Schwangerschaft hat mein Arzt den Diabetes nicht erkannt. Schwindelgefühle und ständiger Durst hat er nicht als Anzeichen gedeutet. Das Ergebnis war eine Fehlgeburt und Diabetes Typ 1, den ich heute noch habe. Das ist jetzt ein Jahr her. Ich hoffe, dass hierzu mehr Aufklärung stattfindet - vor allem auch für Ärzte. Warum gehört ein Diabetes Test nicht zum Standard bei Schwangeren? Ich denke, das sollte er.

PD Dr. Hummel:

Liebe Frau C., Sie haben zu 100% recht! Die Deutsche Diabetesgesellschaft DDG / diabetesDE kämpft auch schon lange dafür, dass bei allen Schwangeren eine Testung auf Schwangerschaftsdiabtes durchgeführt wird. Inzwischen ist die Datenlage pro Diabetes-Screening diezbzgl. auch so gut, dass die Kassen und die Politik nicht mehr lange drum herum kommen, diese Leistung als Regelleistung einzuführen (einige Kassen bieten dies bereits so an). Es gibt Hinweise, dass das generelle Screening auf Schwangerschaftsdiabetes bald in Deutschland eingeführt wird. Wir hoffen das dies auch wirklich so ist - je früher, desto besser. Viele Grüße Michael Hummel

Christopher fragt:

Betreff: 3tes Kind mit 36
Hallo Professor Hummel,
meine Frau ist Typ 1 Diabetikerin und wir haben bereits 2 gesunde Kinder. Jetzt möchten wir eventuell noch ein Drittes Kind. Meine Frau ist aber schon 36. Steigt das Risiko auch abhängig vom Alter bei Diabetes. Die BZ-Werte sind bei ihr immer gut und sie trägt eine Pumpe.

PD Dr. Hummel:

Lieber Herr H., ja, da Risiko steigt auch mit dem Alter etwas an. Aber wenn Ihre Frau eine gute BZ-Stoffwechsellage hat (das ist der wirklich entscheidende Punkt) und Sie sich ein Kind wünschen, sollte dies kein Hinderungsgrund sein. Das Risiko, dass das Kind auch an Typ 1 Diabetes erkrankt, liegt statistisch gesehen bei ca 3%, also mit 97%iger Wahrscheinlichkeit bekommt das Kind keinen Typ 1 Diabetes! Viele Grüße Michael Hummel

Veronika und Karsten fragen:

Hallo, meine Frau ist im 5ten Monat schwanger. Die Schwangerschaft verläuft soweit sehr gut - trotz Schangerschaftsdiabetes. In der letzten Woche hat die Ärztin nun wiederholt erhöhte BZ-Werte gemessen. Erst 7,8 und dann 2 Tage später 8,2. Wir sind jetzt etwas verunsichert, wie schlimm so ein Ausrutscher sein kann und würden gerne eien zweite Einschätzung höhren.

Danke dafür schon mal
Veronika und Karsten

PD Dr. Hummel:

Hallo, ich gehe davon aus, dass diese beiden Werte eine Stunde nach einer Mahlzeit gemessen wurden (ca 146 mg/dl). Die BZ-Werte wären somit etwas zu hoch (Ziel-BZ 1 Stunde nach der Mahlzeit kleiner 140mg/dl). Sollte sich tatsächlich um Ausrutscher, also Ausnahmen handeln, also z.B. nach einem gelegentlichem Diätfehler, ist das kein Problem. Sind aber z.B. die BZ-Werte nach dem Frühstück regelhaft zu hoch, muss mit einer Insulintherapie begonnen werden. Also bitte weiter regelmäßig die BZ-Werte messen und zeitnah mit dem Diabetologen besprechen. Üblicherweise steigen die BZ-Werte im Verlauf einer Schwangerschaft an und es sollte auf keinen Fall der Zeitpunkt verpasst werden, zu dem die BZ-Werte  trotz Ernährungstherapie regelhaft zu hoch sind und somit eine Insulintherapie, die dem Kind ja sehr hilft, zu starten,

viele Grüße Michael Hummel

Claudia W. fragt:

Betreff: Betreuung von Schwangeren mit Diabetes
Als Diabetesberaterin sehe ich viele Schwangere mit Diabetes, sei es Typ 1 oder ein bereits vorbestehender Typ 2, aber auch zunehmend immer mehr Frauen mit Gestationsdiabetes. Auch ich bin der Meinung, dass diese Frauen von einem Diabetologen betreut werden müssen, aber nur in Zusammenarbeit mit dem behandelnden Gynäkologen, denn sonst weiß der Eine nur ungenau und vor allem zeitversetzt von den Ergebnissen des Anderen. D. h. es werden BZ-Werte behandelt und nicht die Frauen bzw. das Kind. Nur eine direkte Cooperation bringt den nötigen Benefit für die Schwangere und das Kind.

PD Dr. Hummel:

Liebe Frau Walter, vielen Dank, die von Ihnen getroffene Aussage kann man nur untersteichen. So ist es für die Therapieentscheidung des Diabetologen sehr wichtig zu wissen, wie die sonographischen Untersuchungen des Kindes (insbesondere die Messung des Bauchumfangs AU) ausfallen.
Diabetologen und Gynäkologen muessen sich also in Zukunft noch mehr vernetzen. herzliche Grüße Michael Hummel

Nadine S. fragt:

Hallo, Ich bin Typ 2 Diabetiker und momentan noch eher schlecht als recht eingestellt - HBA1c etwa 8,5 bis 9,0. Jetzt bin ich schwanger geworden - unverhofft. Was raten Sie mir. Mein Arzt sagt, dass ich meinen BZ besser einstellen muss und auch Insulin spritzen, weil sonst die Risiken für Fehlbildungen, Frühgeburt usw hoch seien. VG Nadine S.

PD Dr. Hummel:

Liebe Frau S., ja, das A und O ist nun eine optimale Diabetestherapie. Bei einem derart hohen HbA1c ist eine Ernährungstherapie sicherlich nicht ausreichend, es muss also sofort mit einer Insulintherapie begonnen werden. Das Insulin ist für die adäquate Entwicklung des Kindes sehr wichtig und diese Therapie darf nicht herausgezögert werden. Also unbedingt rasch=sofort mit dem Diabetologen sprechen.

Viele Grüße Michael Hummel

Tarun B. fragt:

Betreff: Unterzuckerung
Während des Schlafens in der Nacht bekomme ich oft Unterzuckerung. Was ist der Grund ? Ich bin insulinpflicht ( 4 - 5 mal am Tag). Vor Schlafen gehen spritze ich bißchen Insulin Normalinsulin Actrapid und Langzeitinsulin Protaphan), nur dann, wenn mein Zuckerwert zu hoch ist. Wenn ich nicht spritze, Morgen ist my Blutzucker sehr hoch.

PD Dr. Hummel:

Lieber Herr B., Hypoglykämien haben viele Nachteile und sollen unbedingt vermieden werden. Actrapid sollte nicht regelhaft vor dem Schlafen gespritzt werden. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass Ihre Insulintherapie noch nicht wirklich gut abgestimmt und gewählt ist. Bitte suchen Sie sich einen guten Diabetologen mit dem Sie das im Detail besprechen können, denn für Unterzucker gibt es viele verschiedene Gründe. Auch eine gründliche und ausführliche Diabetesschulung wird Ihnen sicher weiterhelfen.

viele Grüße Michael Hummel