Buch-Tipp

Dem Diabetes davonlaufen – Wie Bewegung wirkt

Experten-Chat mit Dr. med. Bernhard Gehr

Dr. med. Bernhard Gehr
Dr. med. Bernhard Gehr

Bis zum 2. September 2010 findet unsere Experten-Sprechstunde zum Thema " Dem Diabetes davonlaufen - Wie Bewegung wirkt" statt. Ihre Fragen werden live am Donnerstag, den 2. September zwischen 17 und 19 Uhr beantwortet.

Protokoll der Sprechstunde

Maren S. fragt:

Betreff:   Geeignete Sportschuhe für Typ-2-Diabetiker
Hallo Dr. Gehr, mein Vater ist 65 Jahre als und hat seit etwa 10 Jahren Diabetes Typ 2. Er will an einem Sportkurs für Ältere teilnehmen (eine Herzsportgruppe). Dafür benötigt er auch Sportschuhe. Wegen seinem Diabetes muss er mit seinen Füßen aufpassen. Sein Arzt sagt, er soll keine engen Schuhe tragen. Gibt es spezielle Sportschuhe für Diabetiker und wenn ja, wo kann man die kaufen?

Dr. Gehr:

Hallo Frau S., solange Ihr Vater keine periphere diabetische Neuropathie hat, bei der die Schmerzwahrnehmung insbesondere im Bereich der Füße beeinträchtigt ist, braucht er keine orthopädischen Spezialschuhe zu tragen, auch nicht beim Sport. Eine diabetische Neuropathie kündigt sich häufig mit Taubheits- oder Kribbelgefühl in den Füßen an. Der behandelnde Diabetologe sollte regelmäßig untersuchen, ob dafür Anzeichen bestehen. Dennoch sollte Ihr Vater auf sein Schuhwerk achten und keine zu engen Schuhe oder Schuhe mit Druckstellen tragen, da haben Sie völlig recht. Ein gut sortiertes Sport-Fachgeschäft kann ihm da sicher weiterhelfen. Es gibt mittlerweile ein großes Sortiment an verschiedensten Hallenturnschuhen, sodass sich für jeden Fuß ein passendes Modell finden sollte. Vor jeder Sportstunde sollte er sichergehen, dass sich kein Fremdkörper im Schuh befindet (tasten), und dass die Strümpfe keine Falten werfen.

Alex fragt:

Ich habe festgestellt, dass  nach dem Sport – ich mache Leistungssport, 2 mal die Woche 3 Stunden Leichathletik– meine Zuckerwerte früher oft unter 60 mg/dl. Heute ein Jahr später ist es ganz anders. Manchmal sind sie über 170. Meine Mutter hat auch Altersdiabetes, daher bin ich wohl auch dafür veranlagt. Habe es dann auch beim Arzt testen lassen und die Diagnose war negativ.  Diese Schwankungen finde ich sehr komisch und da die Diagnose negativ war sollte ich mir wahrscheinlich keine Gedanken machen. Trotzdem würde es mich doch interessieren, wie ich mir das erklären soll.

Dr. Gehr:

Hallo Alex, um Ihre Frage sinnvoll zu beantworten brauche ich noch ein paar Informationen. - Alter, Größe, Gewicht? - Bisher keine Diabetesdiagnose (habe ich das richtig verstanden?) - Warum messen Sie überhaupt den Blutzucker im Zusammenhang mit Sport? - Auf welche Art hat Ihr Arzt eine Diabeteserkrankung ausgeschlossen (Spontan-Blutzucker, HbA1c, oraler Glukosetoleranztest)? - Nach welchen Belastungsformen und -intensitäten sind die Blutzuckerwerte so hoch, und in welchem zeitlichen Abstand dazu?

Alex fragt:

Ich bin 34, 185m und wiege zwischen 80 und 84 kg. Ich habe den zucker nur  gemessen, weil meine Mutter ja auch Diabetes hat und ich dachte, dass ich deshalb ein erhöhtes Risiko hätte. Meine Trainingseinheiten betragen in etwa 3 Stunden. Das ist inklusive Aufwärmtraining und etwa eine Stunde intensives Training (Laufen, Sprint, Weitsprung...je nachdem was anfällt) Die Diagnose war meine ich eine Hba1C-Wert-Messung.

Dr. Gehr:

noch ein paar Fragen: - haben Sie den Blutzucker auch schonmal vor dem Sport getestet, oder zu anderen Tageszeiten (vor dem Frühstück)? Wie waren diese Werte? - haben Sie jemals einen Blutzuckerwert über 200 mg/dl gemessen?

- nehmen Sie Medikamente ein, die den Blutzucker anheben, z. B. Kortisonpräparate oder Anabolika?

Alex fragt:

Vor dem Sport habe ich auch gemessen, da waren die Werte normal um die 100. Vor dem Frühstück habe ich nicht gemessen.
Einmal hatte ich einen Wert von fast 200 mg/dl gemessen.
Medikamente nehme ich keine - nur Proteinshakes - die trinke ich ab und zu.

Dr. Gehr:

Zwar kommt es durchaus auch bei Stoffwechselgesunden vor, dass der Blutzucker nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten oder nach sehr intensiven Trainingseinheiten (Stresshormone!) über 140 mg/dl ansteigt, aber die von Ihnen geschilderten Werte erscheinen mir tatsächlich verdächtig. Durch Ihr normales Körpergewicht und die regelmäßige körperliche Aktivität senken Sie das Risiko, wie Ihre Mutter ebenfalls an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, zwar deutlich, aber nicht auf Null. Ein HbA1c-Wert im Normalbereich ist nicht dazu geeignet, eine Diabeteserkrankung auszuschließen. Ich empfehle Ihnen daher dringend, bei Ihrem Hausarzt oder beim Diabetologen einen oralen Glukosetoleranztest zu machen, dann haben Sie Klarheit über Ihre Situation. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute und viel Spaß beim Sport

Kerstin fragt:

Hallo Dr. Gehr, meine Tochter hat Diabetes Typ1 und steht kurz vor der Einschulung. Sie trägt seit kurzem eine Pumpe und es läuft ganz gut. Für die Schule ist es sicher besser so. Sport hat sie bisher keinen gemacht, außer natürlich draußen mit ihren Freunden, aber nie im Verein und nicht regelmäßig und ausdauernd. In der Schule wird sie jetzt 2 mal die Woche am Sportunterrciht teilnehmen. Was müssen wir beachten und wie können wir den Sportlehrer richtig vorbereiten?

Dr. Gehr:

Hallo Frau K., es freut mich sehr, dass es für Sie ganz selbstverständlich ist, dass Ihre Tochter am Schulsport teilnehmen soll. Dass Kinder mit Typ-1-Diabetes vom Schulsport ausgeschlossen werden ist heute zum Glück nicht mehr üblich, im Gegenteil: meiner Meinung nach wäre das sogar schädlich für die gesunde Entwicklung der Kinder. Die wichtigsten Tipps in Kürze: - Ganz entscheidend ist, wie Sie bereits erwähnen, das Gespräch mit dem Sportlehrer zu suchen. Wichtig ist, dem Sportlehrer auch eine schriftliche Information mit klaren Handlungsanweisungen zu geben, denn er ist mit Sicherheit noch mehr verunsichert als Sie es sind. Dabei erhalten Sie sicher auch Unterstützung von Ihrem Kinderdiabetologen-Team. Alternativ finden Sie auch einen entsprechenden Vordruck (zusammen mit vielen weiteren Informationen) in der "Diabetes- und Sportfibel", hierzu siehe auch an anderer Stelle im Chat.  - Die Intensität der Schulsports ist in der Regel schlecht vorherzusagen, entsprechend schwierig ist die Therapieanpassung. Eine Faustregel für den Anfang: für 45 Minuten Schulsport 1-2 BE schnell wirkende Kohlenhydrate ca. 30 Minuten vor Beginn einnehmen.  - Die Diabetesausrüstung (BZ-Messgerät, Not-BE) muss auf jeden Fall mit in die Turnhalle, und Ihre Tochter muss auf jeden Fall jederzeit den Blutzucker messen und etwas essen oder trinken dürfen!!! Ebenso muss ihr erlaubt sein, jederzeit auf die Toilette zu gehen. -  Vor Beginn jeder Sportstunde muss der Blutzucker gemessen werden, dieser sollte über 120-140 mg/dl liegen. Bei tieferen Werten sollten noch 1-2 schnell wirkende BE eingenommen oder getrunken werden. - Wie die Therapie an den Schulsport im Einzelfall angepasst wird, besprechen Sie bitte nochmals mit Ihrem Diabetesteam. Viele Grüße auch an Ihre Tochter

Kerstin fragt:

Kann ich denn von den Lehrern - speziell dem Sportlehrer erwarten, dass er meine Tochter bei der BZ-Messung kontrolliert und darauf achtet, dass sie ihre BEs auch isst? Oder ist das schon zu viel verlangt?

Dr. Gehr:

Liebe Frau K., man wünscht sich natürlich einen Sportlehrer, der sich vor der Sportstunde 2 Minuten für Ihre Tochter Zeit nimmt, sie frägt ob sie ihre Sport-BE gegessen hat, den Blutzuckertest überwacht und dem Ergebnis entsprechende weitere Schritte kontrolliert. Die meisten Sportlehrer werden nach einem sachlichen Aufklärungsgespräch mit den Eltern oder noch besser mit dem Diabetesteam dazu bereit sein, aber natürlich haben Sie darauf keinen Rechtsanspruch. Stellen Sie sich also gut mit ihm, betrachten Sie ihn als Partner und nicht als Gegner - dann wird das auch klappen. Vielleicht können Sie es ja auch einrichten, dass Sie bei den ersten Sportstunden anwesend sind, bis sich die Abläufe eingespielt haben?

Eva fragt:

Betreff: Diabetes und heißes Wetter
Bin MA in einer Behinderteneinrichtung. Waren mit Bewohnern in Urlaub, einer von ihnen ist Diabetiker. 5 Tage mit Unternehmungen, Insulingabe nach BZ-Tabelle. Am 6. Tag ,nach kleinem Spaziergang,trat Taubheitsgefühl im Bein und  Krampf ein. Gabe von Traubenzucker und Notarzt. NA spritzte Glukose.Seitdem haben wir den BZ nicht mehr erhöht bekommen. Insulin und Metformin weg gelassen, normales Essen, Cola, Fruchtsaft - der BZ ging kurz in die Höhe ,um dann wieder auf unter 100 zu gehen. Heute ,nach Rückkehr aus Urlaub direkt zum Diabetologo.Der meinte, ganz normal spritzen, auch wieder Metformin. Er sollte auch wieder arbeiten gehen(ganztags in WfbM) Aufgrund der Erfahrungen im Urlaub bezweifel ich diese Anordnung. Kann mich jemand aufklären? Das ganze Arbeitsteam ist verunsichert! Danke für Hilfe.E.

Dr. Gehr:

Hallo E, Ihre Verunsicherung kann ich nachvollziehen. Anhand Ihrer Angaben ist der Fall nicht komplett zu lösen, aber vielleicht kann ich ein paar Denkanstöße geben.
- Handelte es sich bei dem Ereignis mit Taubheitsgefühl im Bein und Krampf (im Bein oder generalisierter Krampfanfall?) tatsächlich um eine Unterzuckerung?
- Sie schreiben, dass in den folgenden Tagen weder Metformin noch Insulin gegeben wurde (und wohl auch keine anderen blutzuckersenkenden Medikamente wie Sulfonylharnstoffe?). Die Blutzuckerwerte seien dann im Nüchternzustand unter 100 gewesen und nach dem Mahlzeiten oder nach schnellwirkenden Kohlenhydraten nur kurzzeitig angestiegen. Allem Anschein nach handelt es sich dabei um normale Glukosewerte. Möglicherweise benötigt Ihr Bewohner derzeit kein Insulin und kein Metformin mehr. Durch körperliche Aktivität und Gewichtsabnahme kann sich die Stoffwechsellage beim Typ-2-Diabetes so stark verbessern, dass weniger oder im Extremfall gar keine Medikamente mehr nötig sind. Das sollten Sie meiner Ansicht nach mit den behandelnden Ärzten diskuiteren.
- Da der Bewohner offensichtlich sehr gut auf körperliche Aktivität anspricht, sollte er diese nach Möglichkeit im Alltag weiterführen.
- Gegen eine Arbeitstätigkeit spricht anhand Ihrer Angaben nichts. Ohne Insulin und blutzuckersenkende Medikamente kann Ihr Bewohner in keine Unterzuckerung geraten.

Thomas S. fragt:

Betreff:   Schwimmwettbewerb
Sehr geehrter Herr Doktor, ich nehme in einer Woche an einem Schwimmwettbewerb über 2 km teil. Das ist nicht das erste mal. Funktioniert mit den Not-BEs immer ganz gut. Jetzt ist es aber schon etwas kälter und ich werde wohl einen Neoprenanzug tragen müssen. Jetzt weiß ich nicht so richtig, wo ich meine BEs unterbringen soll. Der Anzug ist ja eng und lässt kaum Platz. Gibt es hierfür eine Profi-Lösung?

Dr. Gehr:

Hallo Herr S., ich würde ein speziell verpacktes Glukose-Gel empfehlen. Z. B. "Carrero Hypo Helper" ist in flachen Beuteln eingeschweißt, das bekommt man auch in einen noch so stramm sitzenden Neoprenanzug noch rein. Weitere Tipps bekommen Sie sicher auch über das IDAA-Forum (www.idaa.de).

Viele Grüße und viel Erfolg beim Schwimmwettbewerb.

Biggi K. fragt:

Hallo Dr. Gehr, ich und mein Mann planen eine Radtour durch Kroatien zu machen. ich bin seit kurzem Pumpenträgerin und hatte diesen Sommer immer wieder das Problem, dass sich bei den heißen Temperaturen die Klebefläche vom Katheter löst. Gibt es hierfür eine Lösung und muss ich noch etwas beachten, wenn ich meherere Stunden radfahre bei Temperaturen über 25 Grad? ich meine speziell auf die Pumpe bezogen.

Dr. Gehr:

Hallo Biggi, es spricht nichts gegen eine Radreise durch tropische Gefielde, alles eine Frage der Technik. Ich bin auch schonmal durch Südspanien geradelt. Einige Praxistipps:
- Sie schreiben, dass sich bei großer Hitze die Klebefläche des Katheters löst. Zunächst sollten Sie einen Insulinkatheter eines anderen Herstellers ausprobieren, denn die Klebeeigenschaften unterscheiden sich. Vielleicht passt ein anderer Katheter einfach besser zu Ihrer Haut. Zusätzlich sollten Sie den Katheter bei großer Hitze und entsprechender Schweißbildung mit zusätzlichem Klebematerial befestigen, z. B. mit Fixomull stretch(R).
- Insulinvorräte müssen Sie zuverlässig vor der Hitze schützen. In den Packtaschen werden schnell Temperaturen von über 50 Grad erreicht. Ich empfehle Ihnen die Anschaffung einer kleinen Edelstahl-Thermosflasche (0,3 l falls erhältlich, oder 0,5 l). Wickeln Sie die Insulinampullen in Alufolie ein, legen Sie diese in die Thermoskanne, füllen Sie sie mit kaltem Leitungswasser auf (keine Eiswürfel!). Auf diese Art wird das Insulin für mehrere Tage kühl gehalten, auch wenn die Packtaschen "glühen".
- Achten Sie bei Ihrem Blutzuckermessgerät auf einen möglichst großen Temperaturbereich, manche Geräte sind bis 45°C zugelassen (z. B. Precision Exceed(R) ).
- Größere Vorräte an Blutzuckerteststreifen sollten ebenfalls nicht zu heiß werden, packen Sie diese am besten mitten in die Packtasche und nicht oben drauf.
- Noch mehr Tipps gibts in der "Diabetes- und Sportfibel" (siehe an anderer Stelle im Chat).
Jetzt bleibt mir nur noch, Ihnen eine wunderschöne Reise zu wünschen!

X fragt:

Ich habe eine Frage zum Marathonlauf bzw Halbmarathon. Ich bin Typ 1er laufe seit vielen Jahren mit Pumpe. Vor einem Halbmarathon lege ich normalerweise eine Laufpause ein. Sollte ich das auch vor 10 Kilometer-Lauf machen?

Dr. Gehr:

Hallo X, ich nehme an, dass Sie vor einem Halbmarathon für 1-2 Tage nicht mehr laufen, um sicherzugehen, dass die Energiespeicher beim Lauf dann „randvoll“ sind. Das kann natürlich auch vor einem 10 km-Lauf sinnvoll sein. Für Fragen dieser Art gibt es ein tolles Forum: Die IDAA (International Diabetic Athletes Association) ist eine Vereinigung sporttreibender Diabetiker, die sicher für Sie interessant ist (www.idaa.de). Auf den Foren auf der genannten Internetseite findet ein reger Gedankenaustausch zu Fragen dieser Art statt.

Natalie K. fragt:

Hallo, ich musste leider feststellen, dass wenn der Zucker durch viel Bewegung nach unten geht und extra wenig esse und ert viel später eine größere Mahlzeit zu mir nehme, der Zucker ganz stark und plötzlich hochgeht. Wieviel Zeit lasse ich am besten nach dem Sport und wie soll ich die Portionsgröße machen, damit ich solche Schwankungen vermeide und keine Medikamente nehmen muss.

Dr. Gehr:

Hallo Frau K., Sie sind nicht allein. Viele Diabetiker berichten, dass nach dem Sport der Blutzucker aus unerfindlichen Gründen ansteigt. Mögliche Gründe dafür sind: (1) Sport-BE, die zu kurz vor dem Sport oder währenddessen eingenommen werden, werden während des Sports nicht vollständig aufgenommen. Dies geschieht erst wenn der Körper zur Ruhe gekommen ist, also nach dem Sport, und dann steigt der Blutzucker. (2) Mit Beendigung der körperlichen Aktivität hört die blutzuckersenkende Wirkung der Muskelarbeit schlagartig auf. Die Insulinreduktion (bei Insulintherapie) wirkt jedoch noch länger nach, sodass der Blutzucker ansteigen kann. (3) Bei erschöpfender Körperarbeit werden Stresshormone ausgeschüttet, die auch nach dem Sport noch einige Stunden nachwirken und den Blutzucker anheben können. Wenn Sie feststellen, dass nach körperlicher Aktivität bei Ihnen regelmäßig der Blutzucker ansteigt, können Sie versuchen dies mit einem kleinen Dosis schnellwirkenden Insulins auszugleichen. Besprechen Sie das bitte noch mal in Ruhe mit Ihrem Diabetesteam.

Bea fragt:

Bei mir haben die Ärzte Eiweiß im Urin festgestellt. Ich habe Diabetes und meine Werte habe ich in den letzten 2 Jahren bereits von 8 auf 6,8 verbessern können. Das Eiweiß ist trotzdem noch zu hoch und sie sagen ich soll Sport machen und mich bewegen. Wäre nicht eine Eiweißarme Ernährung besser? Also wie wirkt sich denn Sport darauf aus? Ich finde den Ratschlag etwas einseitig und frage mich, ob das wirklich helfen kann. Habe auch seit ein paar Jahren Probleme mit der Blase und leichte INkontinenz.

Dr. Gehr:

Liebe Bea, Ihre Ahnung ist richtig – man kann mit körperlicher Aktivität keine diabetische Nierenerkrankung behandeln!! Entscheidend ist die Verbesserung der Stoffwechsellage, und da haben Sie offenbar schon sehr große Fortschritte gemacht. Ihr HbA1c ist derzeit recht gut. Ich empfehle Ihnen dringend, einen Nephrologen hinzuzuziehen (Nierenarzt), denn eine beginnende diabetische Nierenerkrankung muss rechtzeitig erkannt und entsprechend behandelt werden.

Peter H. fragt:

Hallo Dr. Gehr,
vor zwei Jahren habe ich (seit 5 Jahren Typ-2-Diabetes) erst mit dem Walken und dann mit dem Laufen angefangen. Am Anfang war es sehr anstrengend, aber mit besserer Kondition und weniger Gewicht nahm meine Motivation immer mehr zu. Inzwischen kann ich gar nicht mehr ohne Laufen mehrmals die Woche. Gerne würde ich anfangen, für einen Halbmarathon im nächsten Frühjahr zu trainieren, traue mich aber nicht so recht. Die Ratgeber-Bücher hierfür sind durchweg für Gesunde konzipiert, kennen Sie vielleicht eins, dass für Sportler mit Diabetes geeignet ist? Ich habe mich auch einer Laufgruppe angeschlossen, aber da ist auch kein Diabetes-Experte dabei.

Dr. Gehr:

Hallo Herr H., ich finde es wirklich toll, wie aktiv Sie geworden sind!!! Großes Kompliment. Falls bisher keine Folgeerkrankung und keine relevante Begleiterkrankung (schlecht eingestellter Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung o.ä.) besteht, können Sie natürlich auch einen Halbmarathon in Angriff nehmen. In Fragen der Therapieanpassung an Sport (Insulintherapie und Tablettentherapie) kann ich Ihnen die „Diabetes- und Sportfibel“ empfehlen, die ich zusammen mit Ulrike Thurm geschrieben habe, und die nun bereits in der 3. Auflage erhältlich ist. Darin werden Sie alles finden, was Sie aus diabetologischer Sicht zum Thema wissen müssen. Die grundlegenden Trainingsstrategien unterscheiden sich nicht vom Stoffwechselgesunden, sodass Sie zu diesen Fragen auch ein Laufbuch „für Gesunde“ zu Rate ziehen können.

Dieter H. fragt:

Lieber Dr. Gehr,
ich bin Typ-2-Diabetiker, wiege viel zu viel und möchte aber nun mit Sport anfangen. Denn der soll ja auch gut für das Herzkreislauf-System sein. Der Arzt sagte, wenn ich nichts unternehme, kommt zum Diabetes noch eine "Koronare Herzkrankheit" dazu. Ich habe mich nun im Fitnessstudio angemeldet. Dort rät man mir, eine Pulsuhr für das Training anzuschaffen, damit ich in einem festen Herzschlagbereich trainiere und mich nicht überanstrenge. Nun gibt es so viele Modelle und die Preisspannen sind erheblich. Können Sie mir sagen, welche Pulsuhr geeignet ist und was man an Technik nicht braucht? Denn es muss doch sicher keine Uhr für mehrere Hundert Euro sein, oder? Was muss eine Uhr für Anfänger alles können? Vielen Dank!

Dr. Gehr:

Lieber Herr H., Sie haben eine sehr richtige Entscheidung getroffen. Wenn Sie es schaffen, sich regelmäßig mehr zu bewegen, dann werden Sie auf allen Ebenen davon profitieren – unabhängig von einer Gewichtsabnahme. Lesen Sie am besten auch die anderen Fragen in diesem Chat, da ist einiges Interessante für Sie dabei.

Zu Ihrer Frage: Mit Pulsuhren verhält es sich mittlerweile wie mit Fahrradtachos oder Handys. Die Grundfunktionen (Pulsmessung, Alarmfunktionen) bekommt man schon sehr preisgünstig. Das ist für ca. 90 Prozent der Benutzer völlig ausreichend. Ausgesprochen compterinteressierte Sportler können bei entsprechenden Modellen Diagramme anzeigen lassen, die gespeicherten Informationen auslesen und am Computer analysieren und speichern – das braucht ein Anfänger auf gar keinen Fall.

Laura B. fragt:

Hallo,
meine Hba1c Werte schwanken zwischen 7,2 und 8 und das seit einem Jahr ohne Änderung. Ich habe vor einem halben Jahr angefangen Sport zu machen, weil das die Werte auch verbssern soll. bisher hat sich aber nichts getan. Ich gehe 2 mal die Woche für 20 Minuten joggen. Bei der Ernährung halte ich mich wie gehabt an den Plan. Mache ich die falsche Sportart, ist es zu wenig, um einen Effekt zu merken oder muss ich mich einfach noch gedulden?

Dr. Gehr:

Hallo Frau B., zu Ihrer Frage möchte ich auch auf die Frage von Peter A. verweisen, die ich soeben beantwortet habe. Bitte lesen Sie das zuerst. Nun im Detail zu Ihrer Frage:

Sie joggen 2 mal pro Woche für 20 Minuten. Joggen wird mit durchschnittlich ca. 7 MET eingeschätzt, wobei das natürlich vom Lauftempo abhängt. Damit kommen Sie auf 7 MET x 0,66 Std. = 4,66 MET pro Woche. Ein relevanter Effekt auf den HbA1c ist allerdings erst ab ca. 20 MET pro Woche zu erwarten. Folglich müssen Sie entsprechend häufiger und/oder länger Joggen, bis Sie auf ca. 20 MET pro Woche kommen. Dann sollte nach einem Vierteljahr nicht nur der HbA1c besser werden, sondern auch die Blutfette, der Blutdruck etc.

Peter A. fragt:

Grüß Gott, sehr geehrte Damen und Herren; im Diabetes Journal 7/ 10 S.13 ist von 5 bzw. 10.000 Schritte die Rede.Was ist das in Fahrrad für Fußkranke?Gibt es vergleichs Tabellen?


Dr. Gehr:

Hallo Herr A., eine solche Umrechnungstabelle ist mir nicht bekannt (und auch nicht Dr. Meinolf Behrens, einem sehr gut informierten Kollegen aus dem Vorstand der AG Diabetes und Sport der DDG, den ich zur Beantwortung Ihrer Frage hinzuzog).

Die Empfehlung in Form von Schritten kommt vor allem so zustande, dass die Zahl der Schritte ein gutes Maß für die Alltagsaktivität ist, und dass dies mit den modernen Schrittzählern sehr einfach zu messen ist (sind mittlerweile auch sehr kostengünstig).

Grundsätzlich stellt sich für Typ-2-Diabetiker tatsächlich die Frage, wie viel körperliche Aktivität nötig ist, um den Stoffwechsel positiv zu beeinflussen. In der Diabetologie misst man körperliche Aktivität mit einer neuen Einheit: MET (= metabolische Äquivalente). 1 MET entspricht dabei dem Grundumsatz in Ruhe, 1-2 MET leichter Körperarbeit, 3-6 MET moderater, über 6 MET schwerer Körperarbeit. Spazierengehen entspricht ca. 2-3 MET, Radfahren bei mittlerem Tempo (15-18 km/h) ca. 6 MET.

Um durch körperliche Aktivität die Stoffwechsellage zu verbessern sind ca. 20 zusätzliche MET (= metabolische Äquivalente) pro Woche nötig (Studien von DiLoretto u.a.). Um mit Spazierengehen den HbA1c spürbar zu verbessern, müssten Sie dies also ca. 1 Stunde täglich tun (3 MET x 7 Tage x 1 h = 21 MET). Um dasselbe mit Radfahren zu erreichen, reicht eine halbe Stunde täglich.

C. fragt:

Betreff:   Kursbesuch für Nordic Walking ein Muss?
Hallo Herr Dr. Gehr, seit 2 Jahren hat meine Mutter (sie ist Ende 50) Diabetes Typ 2. Sie ist übergewichtig und der Arzt hat ihr geraten, sich mehr zu bewegen. Nun würde sie gerne Nordic Walking machen, möchte aber ungern dafür einen Kurs belegen. Dazu wurde ihr aber im Sportgeschäft unbedingt geraten, als sie Walking-Stöcke gekauft hat.
MUSS man unbedingt einen Kurs besuchen, um Nordic Walking machen zu können, reicht da nicht ein Buch aus? Da ich ihre guten Vorsätze und ihre Motivation gern erhalten möchte, will ich sie auch nicht zu einem Kursbesuch drängen. Was meinen Sie dazu?

Viele Grüße aus dem Weserbergland

C.

Dr. Gehr:

Liebe C., Nordic Walking unterscheidet sich deutlich vom „normalen“ Spazierengehen, denn bei korrekter Technik werden sehr viele Muskelgruppen aktiviert. Vom Joggen unterscheidet sich das Nordic Walking vor allem durch seinen gelenkschonenden Charakter. Um die Vorteile wirklich auszuschöpfen ist ein Kursbesuch tatsächlich sinnvoll. Die AG Diabetes und Sport der DDG bildet zu diesem Zweck „Nordic-Walking-Trainer Diabetes“ aus, den nächstgelegenen Trainer können Sie über www.diabetes-sport.de erfragen.

Falls Sie Ihre Mutter nicht zu einem Kursbesuch überreden können, grämen Sie sich nicht. Bei „falscher“ Technik entspricht die Kreislaufbelastung immerhin noch dem Spazierengehen, und auch davon wird Ihre Mutter profitieren (bereits ca. 7 Stunden pro Woche bessern die Stoffwechselwerte klinisch bedeutsam).

Martina fragt:

Betreff:   Kontinuierliches Glukosemonitring (CGMS)
Nachricht: Lieber Herr Dr. Gehr,

ich bin Typ1-Diabetikerin, Pumpenträgerin und seit 8 Monaten Nutzerin einen CGM-Systems (Freestyle Navigator). Erst durch die Nutzun des CGM-Systems kann ich noch sehr viel leichter Sport betreiben (Radfahren,  Inlinern, Skifahren, Skitouren gehen, Bergwandern, Badminton spielen). Ich habe nun weniger Angst vor Unterzuckerungen und meine Werte während des Sports sind nun gefahrlos im normnahen Bereich zu halten.
Wie beurteilen Sie selbts die Nutzung eines solchen Systems, gerad auch beim Sport? Glauben Sie, dass die derzeit erhältlichen CGM-Systeme so ausgereift sind, dass sie von Typ1 aber auch Typ2-Diabetikern anwendbar sind? Würden Sie diese Systeme selbst weiterempfehlen? Welche Voraussetzungen muss ein Patient mitbringen, um ein CGM-System erfolgreich nutzen zu können?
Ich persönlich wünschte mir, dass diese Systeme trotz größerere finanzieller Aufwendung mehr propagiert würden, denn sie erleichtern so viel.
Viele Grüße, bin gespannt auf Ihre Antworten. Danke dafür.
Martina


Dr. Gehr:

Liebe Martina, Ihre Frage ist sehr umfangreich – es würde ein Buch füllen, sie bis ins Detail zu beantworten. Die wichtigsten Aspekte in Kürze:

(1)   Sie benutzen ein Realtime-CGM-System, das heißt ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung, das die aktuellen Werte ständig anzeigt. Sie schildern, dass Ihnen das CGM-System insbesondere beim Sport enorm hilft. Ohne Zweifel ist die Realtime-CGM die optimale Therapieform für geeignete Typ-1-Diabetiker, v. a. in Kombination mit der Insulinpumpentherapie (diese Therapieform heißt dann „Sensorunterstützte Pumpentherapie“ oder SuP). Die Krankenkassen kommen unter strengen Voraussetzungen für die Kosten der CGM auf, z. B. bei einer Hypo-Wahrnehmungsstörung oder in anderen sehr gut begründeten Fällen. Für den Sport bietet die Realtime-CGM beste Bedingungen, denn damit wird man rechtzeitig vor Unterzuckerungen gewarnt und kann kurzfristig reagieren.

(2)   Diabetiker, die ein solches System benutzen, müssen ausführlich zu diesem Thema geschult werden, vor allem zur Interpretation der angezeigten Glukosewerte. Nur mit dem nötigen Grundwissen kann das CGM-System gefahrlos angewendet werden.

(3)   Wird ein CGM-System beim Sport eingesetzt, sollten die Alarmgrenzen anders eingestellt werden („Sportprofil“ mit frühzeitiger Hypowarnung). Außerdem ist es aufgrund der starken Schweißbildung meist erforderlich, den Sensor und Transmitter/Sender mit zusätzlichem Klebematerial auf der Haut zu befestigen (z. B. mit Fixomull stretch®).

(4)   Sie fragen nach den Voraussetzungen, die ein Patient für die Realtime-CGM mitbringen muss. Das allerwichtigste ist eine sehr hohe Eigenmotivation und die Fähigkeit, aus der Datenfülle (bis zu 1440 Glukosewerte jeden Tag!!!) die richtigen Schlüsse zu ziehen.

(5)   Im Bereich des Typ-2-Diabetes sehe ich die Indikation zur Realtime-CGM zu Schulungszwecken gegeben (Patienten sehen für eine Sensor-Laufzeit„live“, was Bewegung und Ernährung an ihren Glukosewerten ändern, und können ihre Verhaltensweisen entsprechend anpassen). Außerdem ist die verblindete CGM mit einem sog. CGM-Rekorder zu erwähnen, die sehr einfach anzuwenden ist und die zu diagnostischen Zwecken bei allen Diabetesformen gewinnbringend eingesetzt werden kann.