Den Blutzucker im Griff – Ist Sport die beste Medizin?
Experten-Chat mit Dr. med. Wolf-Rüdiger Klare

- Dr. med. Wolf-Rüdiger Klare
Bis zum 14. November 2011 findet unsere Experten-Sprechstunde mit Dr. med. Wolf-Rüdiger Klare zum Thema "Den Blutzucker im Griff – Ist Sport die beste Medizin?" statt. Er beantwortet Ihre Fragen live am Montag, dem 14. November zwischen 17 und 19 Uhr.
Protokoll der Sprechstunde
Mareike B. fragt:
Ich bin seit 2006 Diabetikerin und hab eine Pumpe. Ich war schon immer sehr sportlich und möchte deshalb darauf auch nicht verzichten. Im Moment bin ich viel in den Bergen unterwegs und ich suche dort meine Herausforderungen. Nur mit dem Zucker funktioniert das überhaupt nicht. Bevor ich starte, esse ich kräftig und spritze mir nur 0,1-0,5 E, kein Basal. Die Pumpe nehme ich nicht ab und die Basalrate senke ich während des Sports auf 0 %.Außerdem versuche ich, mich immer bei ca. 200 zu halten und ein wenig Insulin aktiv zu haben. Ich brauche immer ziemlich viel. Pro Stunde sinkt mein Zucker - je nach Anstrengung um 150 bis 200. Und soviel während der Anstrengung zu essen, schaffe ich nicht. Mittlerweile bin ich eher auf zuckerhaltige Getränke umgestiegen, aber das geht auch nur bis zu einem gewissen Maß. Trotzdem steigt mein Blutzucker nach den Mahlzeiten nur gering an. Was könnte ich da besser machen?
Dr. Klare:
Sehr geehrte Frau B.,
ich nehme an Sie haben eine geringe Insulintagesdosis weil Sie noch
eine Insulineigenreserve haben. Wenn das so ist, brauchen Sie
eventuell während der Bergtouren gar kein Insulin. Probieren Sie das
doch einmal aus. Wenn Sie regelmäßig messen, kann ja nichts passieren.
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Reik fragt:
Ich würde gerne einmal an einem Bodybuilding-Wettkampf teilnehmen. Ich trainiere viel, bin aber Diabetiker. Für den Wettkampf ist es enorm wichtig die Kohlenhydrate stark zu reduzieren, damit man das "trockene definierte" Aussehen auf der Bühne präsentieren kann. Im Falle einer Unterzuckerung: Können auch schnell verdauliche Proteine den Blutzuckerspiegel wieder auf ein normales Niveau bringen?
Welche Alternativen habe ich, wenn ich meine Kohlenhydratzufuhr sehr stark einschränken muss?
Viele Grüße
Reik
Dr. Klare:
Sehr geehrter Herr C,
wenn Sie eine Hypoglykämie haben, müssen Sie unbeding schnell
resorbierbare Kohlenhydrate zu sich nehmen. "Schnell verdauliche
Proteine" sind da keine Alternative.
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Silke fragt:
Hallo,
ich bin total unsportlich und habe auch kein großes Interesse daran. Kann ich alleine durch Ernährung meinen Blutzucker in den Griff bekommen und eventuell von meinem Diabetes II wegkommen? Immer wird gesagt, dass Sport das einzige Allheilmittel ist. Ist das wirklich so?
Viele Grüße
Silke
Dr. Klare:
Liebe Silke,
es gibt eine aktuelle Studie, die gezeigt hat, dass Typ 2 Diabetiker,
die noch nicht so lange erkrankt waren durch eine drastische
Gewichtsreduktion allein ihren Diabetes zum Verschwinden gebracht
haben. Es geht also. Es muss allerdings gesagt werden, dass nach einer
Gewichtsabnahme das Ergebnis kaum zu stabilisieren ist, wenn nicht die
körperlichen Aktivitäten gesteigert werden. Dazu bedarf es keines
Sports im engeren Sinne. Regelmäßiges Gehen ist bereits sehr effektiv.
Zur Kontrolle des Pensums und zur Motivation ist da übrigens ein
Schrittzähler sehr hilfreich. Wenn man 2.500-3.000 Schritte täglich
mehr tut (das entspricht etwa einer halben Stunde), hat das
nachweislich positive Effekte auf Blutzucker, Blutdruck und Gewicht.
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Renate V. fragt:
Betreff: Blutzuckerwerte
Guten Tag,
ich habe schwankende Blutzuckerwerte. Nüchtern: 7.5 bis 7,8. Im Laufe des Tages sinkt der Wert auf 6,1 bis abends 6,8.Ich nehme z.Z. noch keine Medikamente, weil der Durschnittswert regelmäßig unter 7,0 liegt. Kann ich durch regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung auch weiterhin ohne Tabletten auskommen. Ich bin 68 Jahre alt. Es grüßt Renate
Dr. Klare:
Liebe Renate,
ihre Frage kann man ganz klar mit "Ja" beantworten. Ich kenne Ihr
Körpergewicht und Ihr Alter nicht. In jedem Fall ist regelmäßige
körperliche Aktivität sehr zu empfehlen: Täglich eine halbe Stunde
zügige Gehen ist hoch effektiv. Wenn Sie etwas mehr schaffen, ist der
Effekt um so größer.
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Ingeborg H.fragt:
Betreff: heiße Füße und Beine
ich bin Diabetiker und leide sehr unter heißen Füßen und Beinen. BEsonders intensiv wennich etwas Süßes esse
Dr. Klare:
Sehr geehrte Frau H.,
den Zusammenhang zwischen den geschilderten Symptomen und dem Verzehr
süßer nahrungsmittel kann ich nicht erklären. Das Gefühl heißer Füße
gibt es eher dann, wenn sich vermehrt F+üssigkeit in den Beinen
ansammelt - insbesondere bei einer Störung des venösen Abflusses (z.B.
bei "Krampfadern") nach langem Stehen. Missempfindungen an den Füßen
können aber auch auf eine Polyneuropathie hindeuten. Das kann aber nur
im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung geklärt werden.
Herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Christoph H. fragt:
Ich lagere immer wieder Wasser in den Beinen ein und habe Schmerzen in den Händen und Armen. Bis jetzt konnte ich über die Ernährung nicht viel daran ändern. Jetzt hoffe ich, dass Sport da irgendwie helfen kann? Ich habe Angst, dass die Schmerzen vor allem in den Händen zunehmen, was mich jetzt schon bei meiner Arbeit behindert. Ich bin erst 35, komme mir aber oft vor wie die älteren Herrschaften, die ich pflege.
Gruß Christoph
Dr. Klare:
Sehr geehrter herr H.,
möglicherweise leiden Sie an einer Polyneuropathie. Ohne detailierte
Anamnese und klinisch Untersuchung kann das natürlich nicht
verlässlich gesagt werden. Hier ist Ihr betreuender Arzt gefragt.
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Karsten fragt:
Sehr geehrter Herr Dr. Klare,
ich bin begeisterter Wanderer und habe schon einige Touren mit Pumpe hinter mir. Bisher war mein Blutzuckerspiegel dabei kein großes Problem. Diesen Sommer hat es mit der richtigen Einstellung überhaupt nicht geklappt, obwohl ich so vorgegangen bin wie die Jahre zuvor. Woran kann das liegen? Meine Diabetesberaterin wusste auch nicht weiter. Gibt es denn auch spezialisierte Berater, die sich vor allem mit Sport bei Diabetes beschäftigen? Ich möchte eigentlich nicht auf das Wandern verzichten.
MFG karsten
Dr. Klare:
Sehr geehrter Herr D.,
haben Sie schon einmal von der Aktion "Diabetiker auf dem Westweg"
gehört? Hier wird an mehreren Wochenenden der Schwarzwald durchquert.
Diabetologen und Diabetesberaterinnen sind dabei. man kann an einem
Wochenende oder an mehreren Wochenenden teilnehmen
(www.aktivgegendiabetes.de).
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Nadine R. fragt:
Lieber Herr Dr. Klare,
bei mir ist vor einem Jahr Diabetes Typ 1 diagnostiziert worden. Früher bin ich regelmäßig Laufen und Fahrrad fahren gegangen. Seit ich vor ein paar Wochen bei einem Waldlauf ohne Begleitung umgekippt bin, habe ich riesige Angst davor, mit dem Sport weiterzumachen. Sollte ich mir einen anderen Sport suchen oder gibt es evtl. auch Laufgruppen, die sich auf Diabetiker spezialisiert haben und im Notfall helfen können?
Mit freundlichen Grüßen
N. R.
Dr. Klare:
Sehr geehrte Frau R.,
als Typ 1 Diabetiker ist es natrülich prinzipiell besser, nicht allein
Sport zu treiben - eine Unterzuckerung kann immer vorkommen. Der oder
die Mit-Sportler sollten über Ihren Diabetes informiert sein und
wissen, wie sie Ihnen helfen können. Ich nehme an, Sie haben mit Ihrem
betreuenden Diabetologen Regeln der Dosisanpassung beim Sport
besprochen. Zusätzliche Hilfen gibt es z.B. über die Internationale
Vereinigung Sport treibender Diabetiker (www.idaa.de) oder auch in den
jährlich durchgeführten Arzt-Patieten-Seminaren der AG Diabetes&Sport
der DDG (www.diabetes-sport.de).ö
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Lina B. fragt:
Ich bin 30 Jahre alt und leide seit 5 Jahren an Diabetes. Auch vor meiner Erkrankung habe ich nicht besonders viel Sport gemacht. Da ich mich bei der Arbeit aber so gut wie gar nicht bewege, wäre regelmäßiger Sport eigentlich dringend notwendig. Gelegentlich gehe ich Schwimmen, bin danach aber immer völlig ausgepowert. Und im Wasser mache ich mir ständig Sorgen um meinen Blutzuckerspiegel, da ich ja die Pumpe vorher abnehmen muss.
Können Sie mir einen sinnvollen Sport empfehlen, bei dem die Pumpe nicht stört und der evtl. auch gegen die Wassereinlagerungen in den Beinen hilft?
Vielen Dank und Grüße
Lina B.
Dr. Klare:
Sehr geehrte Frau B.,
ein sinnvoller Sport ist der, der Spaß macht! Daher können nur Sie
selbst diese Frage beantworten. Gerade mit der Insulinpimpe ist fast
alles möglich. Gehen Sie also gern ins Wasser? Wenn ja - machen Sie es
weiter. Sie haben leider nicht geschrieben, ob Ihre Sorgen um den
Blutzucker beim Schwimmen denn berechtigt sind. Wenn ja, sollten Sie
vielleicht vor dem SChwimmen einen kleinen Bolus abgeben.Wenn Sie
ausgepowert sind, überanstrengen Sie sich eventuell. Also: Weniger ist
mehr. Vielleicht ist Ihnen aber auch mit regelmäßigen Spaziergängen
schon gedient?
herzliche Grüße Dr. W.-R. Klare
Florian S. fragt:
Betreff: Sport doch eher Mord?
Lieber Herr Dr. Klare,
alle sagen, dass Sport den Blutzucker senkt und Diabetikern hilft, ihn unter Kontrolle zu bringen. Ich habe Diabetes Typ 2 und gehe alle zwei Tage ins Fitnesstudio. Bei mir sind die Werte nach dem Cross-Trainer oder Radfahren aber oft zu hoch. Warum und was kann ich dagegen tun? Ich würde mich über einen Tipp freuen.
Viele Grüße
Florian S
Dr. Klare:
Sehr geehrter Herr S,
wenn beim Sport die Blutzuckerwerte ansteigen, kann das mehrere Gründe
haben: 1) Die Einstellung ist nicht ausreichend und die zu diesem
Zeitpunkt gemessenen Werte wären ohne Sport noch höher. 2) Es handelt
sich um eine erschöpfende Belastung und die "Stresshormone" als
Gegenspieler des Insulins treiben den BZ hoch. 3) Sie haben ihre
Blutzucker senkenden Medikamente oder das Insulin zu stark reduziert.
Da mir konkrete Informationen über Ihre Diabetestherapie fehlen, kann
ich leider keine detailierteren Tipps geben.
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Annegret G. fragt:
Betreff: Schmerzen
Ich habe seit etwa 2 Jahren mit meinem Blutzuckerspiegel zu kämpfen, den ich nicht richtig in den Griff bekomme. Deswegen habe ich jetzt schon Beschwerden an Händen und Füßen. Gerne würde ich mit Sport gegen meinen Diabetes kämpfen, habe aber immer Schmerzen in den Füßen, sobald ich anfange. Was kann ich tun? Es ist ein Teufelskreis.
Gruß
Annegret Geiger
Dr. Klare:
Sehr geehrte Frau Geiger,
nach Ihrer Schilderung liegt möglicherweise bereits eine diabetische
Polyneuropathie vor. Um deren Fortschreiten zu verhindern, ist eine
normnahe Blutzuckereinstellung die Grundlage. Wahrscheinlich geht das
nicht ohne eine Insulintherapie. die Symptome der Polyneuropathie
lassen sich mit geeigneten Medikamenten durchaus lindern. Sie brauchen
außerdem geeignetes Schuhwerk mit Weichschaumeinlagen oder einer
Fußbettung. Damit müssten Sie auch besser laufen können. Alles das
sollten Sie unbedingt mit einem Diabetologen vor Ort besprechen.
herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Hans-J. M. fragt:
Betreff: Diabetes Leitlinien
Es wird so viel über Diabetes II geschrieben,aber nirgends kann ich die neuen Zielwerte bei der Glukose Bestimmung finden.
Es soll direkt eine neue Leitlinie erschienen sein.
MfG
Dr. Klare:
Sehr geehrter Herr M.,
unter www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de finden sie die
Praxisleitlinien zum Typ 2 diabetes. Dort wird in einem Flussdiagramm
gezeigt, dass bis zu einem HbA1c von 6,5 % in der Regel kein
Handlungsbedarf besteht. Dieser Werte entspricht einem
durchschnittlichen BZ-Spiegel von ca. 135 mg/dl. Wenn dieser Wert
überschritten wird. muss zusammen mit dem behandelnden Arzt
entschieden werden, was zu tun ist. Die Diagnose eines Diabetes wird
ab einem Nüchternblutzucker von 126 mg/dl im Plasma gestellt. Wenn die
Nü-Werte in diesem Bereich liegen, kann man in der Regel zufrieden
sein. Werte 2 Stunden nach dem Essen sollten in der Regel nicht über
140-160 mg/dl liegen. Es gibt aber durchaus Patienten, bei denen
höhere Werte bewusst akzeptiert werden. In der Schwangerschaft liegen
die Zielwerte hingegen deutlich niedriger.
Herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare
Ursula R. fragt:
Betreff: ich bekommen meinen blutzucker typ 2 nicht in den griff
hallo,
ich habe seit 2007 diabetes, und habe zur zeit einen wert von 8,9 hbc1, leider kriege ich den blutzucker nicht in den griff, ich bin 57 jahre alt, war schon 2x in bad mergentheim, da ist seltsamer weise immer ziemlich o.k. würde gerne etwas sport machen, aber das geht leider nicht so gut weil ich ein neues knie brauche, dafür aber noch zu jung und allergikerin bin. daher bewege ich mich nur auf kurze strecken die für mich sehr mühsam sind. auch das treppen steigen ist sehr anstrengend, da ich im 2. stock wohne nach dem 1. stock bin ich schon fertig und haben wahnsinnige schmerzen im knie und herzrasen. was nun? ich finde auch in würzburg keinen diabetologen der so richtig zu mir passt. der jetzige hat meine schilddrüse so runtergefahren, dass ich immer dicker werde. nun sind es schon über 100 kg. schrecklich.
ich bin auch mitglied bei diabetes de
Dr. Klare:
Sehr geehrte Frau R.,
mit 100 kg sind Sie deutlich übergewichtig, was natürlich nicht nur
für den Diabetes schlecht ist. Dass die BZ-Werte in der Klinik ganz
gut sind, ist eine häufige Beobachtung und zeigt, dass es sehr schwer
ist, sich dauerhaft diszipliniert zu verhalten. Übergewicht ist ein
Bilanzproblem: man isst mehr als man verbraucht. Wer abnehmen will,
darf dabei nicht hoffen, es durch Bewegung allein zu schaffen. Man
muss auch deutlich die Kalorienzufuhr reduzieren! Das aber ist
wirklich schwer. Also muss man zuerst einen ernsthaften Beschluss
fassen es zu wollen. Dann braucht man Unterstützung. Die kann ganz
unterschiedlich aussehen. Nachweislich erfolgreich sind z.B. die
Weight watchers mit ihrem Konzept. Aber auch eine langfristig angelegt
Ernährungsberatung kann helfen. Natürlich ist Bewegung wichtig - v.a.
um sein Gewicht zu halten. Das kranke Knie darf aber nicht als
Entschuldigung dafür herhalten, wenn es mit dem Abnehmen nicht klappt.
Herzliche Grüße
Dr. W.-R. Klare


