diabetesDE verlost unten den teilnehmern des Experten-Chats 3 Exemplare des neu erschienenen Buches "CGM- und Insulinpumpenfibel"

Leben mit Insulinpumpe und kontinuierlicher Glukosemessung

Experten-Chat mit Dr. med. Bernhard Gehr

Dr. med. Bernhard Gehr
Dr. med. Bernhard Gehr

Bis zum 14. Juli 2011 findet unsere Experten-Sprechstunde mit Dr. med. Bernhard Gehr zum Thema "Leben mit Insulinpumpe und kontinuierlicher Glukosemessung" statt. Er beantwortet Ihre Fragen live am Donnerstag, den 14. Juli zwischen 17 und 19 Uhr.

Martin S. fragt:

Betreff: Prävention/Risiko

Hallo zusammen, erst einmal finde ich es toll, daß es die Möglichkeit gibt, hier offen Fragen zu stellen! Mein "Problem": Ich, 39 Jahre alt, hatte vor einem Jahr bei einer Arbeitsmed.-Einstellungsuntersuchung einen Nüchtern-BZ von 105. Daraufhin habe ich bei meinem Hausarzt einen Glukose-Toleranztest gemacht, welcher für mich positiv ausgefallen ist. Trotzdem, auch weil mein Vater (immer normalgewichtig!) mit Mitte 50 Diabetes-2 bekommen hat, habe ich mir im Drogeriemarkt ein billiges BZ-Meßgerät gekauft und messe regelmäßig meinen Nüchtern-BZ. Dieser liegt regelmäßig in den hohen 90ern. Ich treibe schon immer viel Sport (MTB- und Rennrad, mehrfach die Woche), bin normalgewichtig, d.h. 79kg bei 181cm und esse normal. Sind diese Werte schon risikobehaftet, oder ist das noch normal? Mir kommt das schon zu hoch vor.

Danke und viele Grüße,

Martin Sch

Dr. Gehr:

Lieber Herr S.,

ein Nüchtern-BZ von bis zu 99 mg/dl (venöse Plasmaglukose) gilt als
noch normal. Falls Ihr Messgerät vollblutkalibriert ist, müssen Sie
von diesem Wert 11% abziehen, d. h, dann gilt die Grenze 89 mg/dl.

Frei verkäufliche Patientenmessgeräte sind leider zu ungenau, um in
diesem Grenzbereich Aussagen zu machen. Zugelassen sind Abweichungen
von bis zu +/- 20 mg/dl!!!

Bei der Diagnosestellung (und beim Ausschluss) eines Diabetes gewinnt
der HbA1c-Wert zunehmend an Bedeutung. Bei Ihrem Risikoprofil sollten
Sie diesen so genannten „Langzeitzucker“ ca. alle 12 Monate bei Ihrem
Hausarzt bestimmen lassen. Nur falls dieser zwischen 5,7 und 6,4%
liegt muss ein oraler Glukosetoleranztest gemacht werden (mit einem
Laborgerät).

Herzliche Grüße

Dr. Gehr

Gulnara G. fragt:

Betreff: Insulin Faktor

Ich bin Diabetikerin Typ 1(Lada), 53 Jahre alt, Diagnose seit Februar 2009, ICT, Novorapid+Levemir+Metformin.

Können Sie bitte mir erklären, wie ich den individuellen BE und IE Faktor ausrechnen kann? Zu jeder Tageszeit? Nüchtern?

Vielen Dank
Gulnara G.

Dr. Gehr:

Liebe Frau Gey,

der BE-Faktor gibt an, wie viele Insulineinheiten zur Abdeckung einer
BE nötig ist, z. B . 1,5 Insulineinheiten pro BE. Man kann den
BE-Faktor ausrechnen, indem man die Zahl der Insulineinheiten einer
Mahlzeit durch die Zahl der Broteinheiten teilt. Die Höhe des
BE-Faktors ist tageszeitlich verschieden. Welche Werte für Sie
zutreffen sollten Sie mir Ihrem Diabetesteam besprechen.

Herzliche Grüße

Dr. Gehr

Cora L. fragt:

Betreff: Angst vor Pumpe

Da ich unter großen Blutzuckerschwankungen leide und ich auch begründete Angst vor Begleiterkrankungen habe, empfahl mir mein Arzt, eine Insulinpumpe zu tragen. Ich habe aber Angst vor einer dauerhaften Kanüle in der haut, Angst, dass sie mir vielleicht abreißt oder es sich entzündet. Was empfehlen Sie?

Dr. Gehr:

Liebe Cora,

in Deutschland gibt es ungefähr 55.000 Insulinpumpenträger. Mir ist
kein Fall bekannt, dass einmal eine Insulinkanüle in der Haut
abgerissen/gebrochen wäre. Katheterinfekten kann man effektiv
vorbeugen: Durch konsequente Hygienemaßnahmen beim Katheterlegen und
durch regelmäßige Katheterwechsel (mind. alle 2 Tage, im Einzelfall
auch täglich). Unter Beachtung dieser Maßnahmen ist eine
Katheterinfektion ziemlich sicher ausgeschlossen.

Sie schreiben, dass Sie auch eine Angst davon abhält, dauerhaft eine
Kanüle in der Haut zu haben. Im Rahmen eines Chats kann ich das nicht
beurteilen. Sprechen Sie bitte mit Ihrem Diabetologen über diese
Angst, er wird einschätzen können, ob in Ihrem Fall evtl. auch eine
psychologische Mitbehandlung sinnvoll ist. Auf jeden Fall empfehle ich
Ihnen einen Besuch in einer Pumpen-Selbsthilfegruppe, dort kann man
vermutlich Ihre Befürchtungen "am lebenden Objekt" entkräften. Oder
lesen Sie die Erfahrungsberichte in der "CGM- und Insulinpumpenfibel",
die Sie vielleicht im Rahmen des Chats gewinnen werden.

Der wichtigste Faktor für den Erfolg der Pumpentherapie ist und bleibt
die Motivation des Patienten. Lassen Sie sich nichts aufschwatzen,
auch nicht von mir. Wenn Sie nicht davon überzeugt sind, dass die
Pumpe für Sie das richtige ist, sollten Sie bei der ICT bleiben.

Viele Grüße
Dr. Gehr

Birgit K. fragt:

Ich bin Diabetikerin und seit kurzem schwanger. Mein Diabetologe hat mir empfohlen, während der Schwangerschaft eine Insulinpumpe zu tragen, um Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. Ist das sinnvoll? Wie sieht es nach der Schwangerschaft aus / während der Stillzeit? Wie lange sollte ich diese tragen? Gibt es nachteile mit der Pumpe?

Dr. Gehr:

Liebe Birgit,

das wichtigste, was Sie für Ihr werdendes Kind im Moment tun können,
ist eine möglichst perfekte Stoffwechseleinstellung. Ihr Diabetologe
hat Ihnen vorgeschlagen, nun auf die Insulinpumpe umzusteigen. Viele
Typ-1-Diabetikerinnen steigen bereits schon im Vorfeld einer
Schwangerschaft auf die Pumpe um, was auch von den Fachgesellschaften
empfohlen wird, falls ansonsten keine optimalen Blutzuckerwerte zu
erreichen sind. Auch ein Umstieg in der Frühschwangerschaft ist ohne
Zweifel sinnvoll (davon abgesehen ist ja auch nicht jede
Schwangerschaft geplant). Im weiteren Verlauf der Schwangerschaft wird
der Insulinbedarf massiv steigen, die Therapie muss kurzfristig
angepasst werden. Das ist mit der Insulinpumpe wesentlich einfacher.
Und noch etwas: Im ersten Drittel der Schwangerschaft kommt es relativ
häufig zu Aborten, auch bei stoffwechselgesunden Frauen, und ohne dass
diese Frauen irgendetwas dafür könnten. Wenn so etwas einer
Typ-1-Diabetikerin passiert, hat das also in den allermeisten Fällen
nichts mit ihrem Diabetes zu tun.

Ich wünsche Ihnen alles Gute
und viele Grüße
Dr. Gehr

Nina R. fragt:

Ich habe die Insulinpumpe nun recht neu und habe bislang noch keinen Sport damit getrieben. Kann ich das tun, oder ist die Pumpe dafür zu empfindlich, kann etwas kaputt gehen?

Dr. Gehr:

Liebe Nina,

gerade für Sporter ist die Pumpe ein Vorteil (siehe an anderer Stelle im Chat). Mechanisch sind die akuellen Pumpenmodelle robust genug, um die üblichen Belastungen beim Sport zu überstehen. Nur zum Schwimmen und Tauchen muss man die Pumpe ablegen, und bei Kampf- und Kontaktsportarten legen viele Athleten die Pumpe ab, obwohl sie auch das mitmachen würde. Die Pumpenhersteller bieten verschiedenste Pumpentaschen für den Sport an. Häufig muss der Insulinkatheter beim Sport zusätzlich befestigt werden, z. B. mit einem hypoallergenen Klebevlies wie Fixomull stretch.

Viel Spaß!
Dr. Gehr

Jens fragt:

Betreff: Urlaub mit Pumpe

Hallo,
ich habe seit dem 12. Lebensjahr Diabetes und auch eine Insulinpumpe. Bisher bin ich mit der Pumpe noch nicht in den Urlaub geflogen, wenn dann gefahren, nun steht aber eine Reise nach Kreta an. Dort fliegen wir dann hin.

Ich würde ganz normal meine Pumpe an mir tragen und dann 3 oder 4 Reservoires Insulin direkt vorbereiten und einpacken und eben mein Messgerät und 3 oder 4 Trommeln einpacken. Wie sieht das aus? Kann ich das einfach ins Handgepäck stecken und durch den Sicherheitscheck gehen und wenn gefragt wird oder es piepst einfach kurz bescheid sagen und ggf. die Pumpe zeigen? Sollte ich mehr als ein Reservoir vorbereiten?

Danke im Voraus und viele Grüße,
Jens

Dr. Gehr:

Lieber Jens,

Flugreisen sind mit einer Insulinpumpe heutzutage problemlos möglich. Folgende Tipps:

- Insulinreservoire nicht schon im Vorfeld "abfüllen", sondern die Original-Durchstechampulle des Insulinherstellers mitnehmen und die benötigten Pumpenreservoirs dann erst bei Bedarf "frisch zapfen". Ansonsten ist die Sterilität nicht gewährleistet. Wenn ein abgefülltes Reservoir wochenlang herumliegt sind das beste Bedingungen für eine Keimvermehrung.
- Die Insulinampulle bei heißen Temperaturen (am Urlaubsort) ständig kühlen. Also in den Kühlschrank des Hotelzimmers legen oder bei Rucksackreisen etc. mit anderen Mitteln kühlen, gut bewährt ist z. B. eine kleine Thermoskanne aus Aluminium mit kühlem Wasser.
- Alle Diabetes-Utensilien im Handgepäck transportieren, ausreichend Not-BE ins Handgepäck.
- Bei der Personenkontrolle im Flughafen die Pumpe herzeigen und dem Personal erklären, dass Sie Typ-1-Diabetes haben etc.
- Diabetikerausweis mitführen, am besten auch in der Landessprache (erhältlich z. B. über den Kirchheim Verlag).
- Auch Blutzuckerteststreifen dürfen nicht zu heiß werden, v. a. nicht über längere Zeit, also bitte die Teststreifenvorräte im Hotelzimmer lassen.
- Insulinspritzen U100 für den Notfall (Pumpenausfall) mitnehmen und ein Basalinsulin.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub!
und viele Grüße
Dr. Gehr

Monika F. fragt:

Betreff: Kontinuierliche Blutglukosemessung
Hallo,

ich bin Pumpenträgerin und mein Internist und Diabetologe hat mir eignetlich von der kontinuierlichen Blutglukosemessung abgeraten, weil das System viel zu ungenau ist und trotzdem normale Blutzuckermessungen mit herkömmlichen Testsreifen notwendig sind. Ich hätte aber schon Interesse daran solch ein System mal auszuprobieren. Gibt es dennoch Möglichkeiten die kontinuierliche Messung mal zu testen.

Danke und viele Grüße
Monika F.

Dr. Gehr:

Liebe Monika,

die aktuell verfügbaren CGM-Systeme sind so ausgereift, dass sie für den Alltagseinsatz geeignet sind und - nach einer entsprechenden Patientenschulung - Ihnen zu besseren Therapieentscheidungen verhelfen werden.

Ihr Diabetologe hat einerseits Recht: Die aktuellen CGM-Systeme erreichen noch nicht die Präzision der Blutzuckermessgeräte. Das liegt aber vor allem daran, dass die CGM-Systeme gar nicht den Blut-, sondern den Gewebezucker messen, und dass gewisse Abweichungen somit "naturgegeben" sind. Dennoch gibt es auch technische Gründe und Unterschiede zwischen den einzelnen CGM-Systemen.

Bei der Interpretation der CGM-Daten ist jedoch die exakte Höhe des angezeigten Glukosewertes überhaupt nicht so wichtig. Entscheidend ist vielmehr die Trendinformation: Ist der Glukosespiegel stabil, steigt oder fällt er? Wie hat er sich über die letzten Stunden entwickelt? Diese Informationen erhält man mit einem Blick auf das Display eines CGM-Systems. Mit konventionellen Blutzuckermessungen sind diese Informationen nur sehr schwierig zu erlangen (man müsste sehr sehr oft messen).

Ein Beispiel: Ob der Glukosewert gerade bei 102, 110 oder 127 mg/dl liegt, spielt für die nächste Therapieentscheidung keine Rolle. Ob der Glukosespiegel hingegen bei demselben Ausgangswert stabil ist, oder ob er gerade in die Tiefe rauscht, das ist die entscheidende Information.

Zu Ihrer abschließenden Frage: Einige CGM-Hersteller bieten die Möglichkeit, das System für ein oder zwei Sensorlaufzeiten zu testen. Kontaktieren Sie hierzu am besten Ihren zuständigen Außendienstmitarbeiter. Auch zahlreiche größere Schwerpunktpraxen verleihen CGM-Systeme und bieten somit die Möglichkeit zum Ausprobieren.

Viele Grüße
Dr. Gehr

Heike N. fragt:

Betreff: Bewilligungsverfahren für Pumpe und Sensor

Ich habe seit 2000 Typ 1 Diabetes. Die Einstellung gestaltete sich sehr schwierige. Wegen meiner Rheumaerkrankung (pcP) muss ich Cortison einnehmen. Meine Blutzuckerwerte sind morgens immer noch um 180 bis 240. Ich habe in der Vergangenheit starke Unterzuckerungen gehabt, die ich selbst wegen meiner Wahrnehmungsstörung nicht bemerkt habe. Seit Mai habe ich eine Insulinpumpe (Hersteller Medtronic veo). Sie wurde durch den Chefarzt der inneren Abteilung beantragt. Welche Möglichkeiten habe ich wenn der Antrag abgelehnt werden sollte.

Hätte ich auch die Möglichkeit die Pumpe selbst zu zahlen?. Würde in diesem Fall die Barmer GEK die Kosten der Verbrauchsmaterialienwie Katheter usw.auch übernehmen?

Mir wurde in der Klinik geraten nach der Pumpe durch die diabetische Schwerpunktpraxis den Sensor zur kontinuierlicher Glukosemessung zu beantragen. Welche Voraussetzungen müssen vorliegen damit dieser Sensor genehmigt wird?
Zudem besteht seit einigen Jahren eine Essstörung. Kann sich diese durch die Pumpentherapie ebenfalls verbessern? (ich esse wenig und lasse auch Mahlzeiten aus)

Heike N.

Dr. Gehr:

Liebe Heike,

Sie haben denke ich sehr gute Chancen, dass die Pumpentherapie genehmigt wird (Kortisondauertherapie, Hypoglykämiewahrnehmungsstörung etc). Sollte der Antrag wider Erwarten abgelehnt werden, sollten Sie gegen diesen Bescheid unverzüglich Widerspruch einlegen. Die Begründung für den Widerspruch können Sie bzw. ihr Diabetologe dann ganz in Ruhe nachliefern. Spätestens wenn auch dieser negativ beschieden wird, sollten Sie sich anwaltlichen Beistand suchen, wie bereits an anderer Stelle im Chat beschrieben.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Kostenübernahme für die Pumpentherapie abgelehnt wird, habe Sie selbstverständlich die Möglichkeit, diese selbst zu bezahlen (Tagestherapiekosten ca. 20€). Welcher Anteil dann von Ihrer Krankenkasse übernommen wird ist Verhandlungssache, schließlich müsste die Kasse ja zumindest die Kosten für eine ICT tragen.

Zur Frage der Kostenübernahme für ein CGM-System habe ich bereits an anderer Stelle im Chat berichtet - siehe dort.

Zu Ihrer Frage, ob sich eine Essstörung durch die Pumpentherapie bessern kann, lässt sich an dieser Stelle nur spekulieren. Je nach Art und Ursache der Essstörung ist ein positiver Effekt der Pumpentherapie durchaus denkbar, aber die Pumpe ist auf keinen Fall die "Lösung" dieses Problems.

Viele Grüße,
Dr. Gehr

Doreen H. fragt:

Moin! Ich bin 30 Jahre,seit 1993 Typ I Diabetikerin, Behandlung ICT, mit häufigen Hypo´s die meist umbemerkt verlaufen.
Vor längerer Zeit von las ich von der neuen Insulinpumpe "VEO" bei der eine kontinuierliche Glukosemessung gekoppelt ist. Mein Diabetologe empfahl mir mich noch ein Jahr zu gedulden, da diese Möglichkeit noch nicht ausgereift sei.
Meine Frage wäre nun ob diese Pumpe als Pumpenneuling empfehlenswert wäre oder ob besser erst mit einer herkömmlichen Pumpe begonnen werden soll??

Dr. Gehr:

Liebe Doreen,

Sie führen aktuell eine Injektionstherapie durch (ICT) und haben hierunter zu viele Unterzuckerungen. Ihre Frage ist, ob Sie zuerst auf eine Insulinpumpentherapie umsteigen oder ob Sie direkt mit einer sensorunterstützten Pumpentherapie beginnen sollten (Pumpe + CGM).

Aus Sicht der Kostenträger ist die Frage einfach zu beantworten. Bevor ein CGM-System in Frage kommt, müssen alle anderen Therapieoptionen ausgereizt sein. Das heißt: Sie müssen zunächst eine Insulinpumpentherapie beginnen. Sie haben gute Chancen, dass alleine mit dieser Maßnahme die Unterzuckerungen seltener werden. Sollte dennoch nach einiger Zeit (ca. 3-6 monate) noch immer keine stabile Stoffwechsellage erreicht sein, kann im nächsten Schritt ein CGM-System beantragt werden.

Zur Frage des Insulinpumpenmodells: Aktuell sind in Deutschland Insulinpumpen von 5 Herstellern und CGM-Systeme von 3 Herstellern erhältlich. Eine sensorunterstützte Pumpentherapie erfordert nicht zwingend, dass beide Komponenten in einem "Kästchen" vereinigt sind. Auch bei den integrierten Systemen wird die Insulinabgabe nicht automatisch an die Glukosewerte angepasst, sondern das muss weiterhin der entsprechend geschulte Patient entscheiden (einzige Ausnahme: die Notfallfunktion der Hypoglykämie-Abschaltung bei der Medtronic Veo Pumpe). Für manche Patienten ist es praktischer, wenn Pumpe und CGM-Empfänger in einem Kästchen vereint sind (z. B. Medtronic Veo, und in Kürze erhältlich: Animas Vibe). Andere Patienten bevorzugen getrennte Systeme, z. B. Frauen, die die Pumpe im BH oder unter der Kleidung tragen. Diese müssten sich ansonsten jedesmal entkleiden, um den aktuellen Glukosewert abzulesen.

Hier ein Link zum Online-Anhang der CGM- und Insulinpumpenfibel mit aktuellen Vergleichstabellen der Insulinpumpen und CGM-Systeme: http://www.kirchheim-buchshop.de/buch/CGM-und-Insulinpumpenfibel.html (Link "Online-Anhang" ganz unten klicken).

Viel Erfolg bei Ihrer Therapieumstellung
und viele Grüße
Bernhard Gehr

Manuel R. fragt:

Betreff: Pumpe

Gibt es schon die neuen Pumpen ohne Kateter auf dem Markt und wie ist es generell mit der Lautstärke einer Pumpe?

Dr. Gehr:

Lieber Manuel,

zu (a): Seit 2010 ist in Deutschland eine "schlauchlose" Pumpe erhältlich. Es handelt sich dabei um das Omnipod System, das von der Firma Ypsomed vertrieben wird. Zahlreiche Hersteller haben ähnliche so genannte "Patchpumpen" in Entwicklung, und in absehbarer Zeit wird es eine beträchtliche Auswahl solcher Pumpen geben.

zu (b): Insulinpumpen verursachen nur minimale Betriebsgeräusche. Im Alltag hört man nichts davon, wenn der Motor aktiv ist (bei früheren Modellen war das teilweise anders). Die Alarme sind dagegen unüberhörbar, was auch gut so ist. Alle Modelle verfügen über akustische Alarme und Vibrationsalarme, wie man das z. B. von Mobiltelefonen gewöhnt ist.

Viele Grüße
Dr. Gehr

Mario S. fragt:

Betreff: Bewilligung durch die KK

Mein Sohn (11) hat seit fast 2 Jahren Diabetes Typ 1 und seit 1 Jahr eine Insulinpumpe. Da seine Werte sehr stark schwanken und er schon 3 schwere Hypos hatte, möchten wir für ihn gern den Sensor für die kontinuierliche Glukosemessung beantragen. Wir befürchten jedoch, daß die Krankenkasse dies ablehnen könnte. Nach welchen Richtlinien wird das entschieden? Was können wir im Falle einer Ablehnung tun?

Dr. Gehr:

Lieber Mario,

ob die Kosten für die CGM von der Krankenkasse übernommen werden, hängt von vielen Faktoren ab:

- Private Krankenkassen: Übernehmen meist ohne wesentliche Probleme die Kosten, häufig genügt sogar ein einfaches Rezept. Informieren Sie sich zuvor bei Ihrer Krankenkasse nach dem geeigneten Vorgehen.
- Gesetzliche Krankenkassen: Hier gilt die CGM bzw. die sensorunterstützte Pumpentherapie als "NUB" (Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode), deren Kosten nur im Einzelfall nach Prüfung durch den MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) übernommen werden. Im Fall Ihres Sones ist ein ausführliches Gutachten eines im Idealfall CGM-erfahrenen Kinderdiabetologen notwendig. Einen klaren Kriterienkatalog mit "wasserdichten" Indikationen gibt es leider noch nicht. Ein 11-jähriges Kind, das bereits mehrere schwere Unterzuckerungen durchgemacht hat (mit Bewusstlosigkeit), sollte jedoch ohne größeren Widerstand ein CGM-System genehmigt bekommen.
- Im Falle einer Ablehnung: Scheuen Sie sich nicht, Widerspruch einzulegen und ggf. anwaltliche Hilfe zu suchen (Info hierzu z. B. in meiner "CGM-und Insulinpumpenfibel", die Sie vielleicht bei der Verlosung gewinnen).
- Falls die Kosten selbst finanziert werden müssen: Alle Sensoren funktionieren länger als angegeben. Es ergeben sich auf diese Art Tagestherapiekosten von ca. 5€ (zusätzlich zur Investition in die notwendige Hardware). Immer mehr Patienten sind bereit, diese Kosten selbst zu schultern.

Viele Grüße
Dr. Gehr

Alexandra H. fragt:

Betreff: Kontinuierliche Glukosemessung

Wie groß sehen Sie die Gefahr einer Verringerung der Wahrnehmungsfähigkeit für die körpereigenen Signale einer Unterzuckerung bei der dauerhaften Anwendung der CGM bei Kindern?

Dr. Gehr:

Liebe Alexandra,

Sie befürchten, dass man bei dauerhafter Anwendung eines CGM-Systems verlernt, die körpereigenen Hypoglykämiesymptome zu spüren. In der Realität ist es eher andersherum: CGM-Anwender lernen durch die permanente Rückmeldung vom CGM-System, ihre Symptome besser einzuordnen. Mit CGM können sie nach einem kurzen Blick auf das Display entscheiden, ob z. B. das Kribbeln in der Zunge ein Zufall war oder das erste Anzeichen einer beginnenden Unterzuckerung. Diesen ständigen Lerneffekt haben nicht nur die CGM-Anwender selbst, sondern z. B. auch die Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes, wenn sie sich primär um die Therapie (und um den CGM-Empfänger) kümmern. Hat mein Kind beim Klettern am Spielplatz ins Leere gegriffen, weil es abgelenkt war, oder weil der Blutzucker abrauscht? Fragen wie diese können Sie mit einem CGM-System sofort beantworten. 

Viele Grüße und alles Gute für Ihr Kind
Dr. Gehr

Martina fragt:

Betreff: CGM-Anwendung

Sehr geehrter Herr Dr. Gehr,

die Sensorunterstützte Insulinpumpentherapie ist nach meiner Einschätzung für mehr Patienten möglich und durchführbar und ermöglicht eine optimierte Therapie. Eine zunehmende Anwendung durch Patienten wird auch durch den Kostendruck unseres Gesundheitssystems enorm eingeschränkt.

Sie schreiben in Ihrem Buch (CGM- und Insulinpumpenfibel) zur CGM-Anwendung: „Wird ein geeigneter Diabetiker nicht über die für ihn vielleicht optimale Therapieform aufgeklärt, entgeht ihm die Chance, sie ggf. unter Zuhilfenahme eigener finanzieller Mittel zu erhalten“. Dieser Satz ist beeindruckend und beschreibt meine eigenen Erfahrungen. Nur durch Zufall und auf Eigeninitiative wurde ich CGM-Trägerin. Und heute ist für mich ein Leben ohne CGM nicht mehr vorstellbar. Dies führt zu meinen Fragen an Sie:

a) Wie beurteilen Sie selbst Aussagen von Diabetikern und teilweise auch von Ärzten, dass bis zu fünf leichtere Hypoglykämien normal sind, wenn man als Typ1-Diabetiker gut eingestellt sein möchte?

Für mich kann ich heute behaupten, diese „normalen“ leichten Hypos kenne ich gut. Damals hatte ich meinem Arzt geschworen, dass alles in Ordnung sei. Diese leichten Hypos gehören dank CGM jetzt endlich der Vergangenheit an. Heute muss ich mir eingestehen, es waren sehr wohl Einschränkungen.

b) Die gefährlichen Blutzuckerspitzen direkt nach dem Essen habe ich vor CGM nicht wirklich entdeckt. Ist es aus ihrer Sicht empfehlenswert allen Diabetikern zur Optimierung ihrer Stoffwechseleinstellung eine kurzfristige CGM-Anwendung zu ermöglichen?

Danke für Ihre Antworten
Mit freundlichen Grüßen

Martina

Dr. Gehr:

Liebe Martina,

zu (a): Wieviel leichte Unterzuckerung "muss" ein insulinpflichtiger Diabetiker in Kauf nehmen, um eine gute oder sehr gute Stoffwechseleinstellung zu erreichen? Die Meinungen zu dieser Frage gehen auseinander. Eine Stoffwechseleinstellung mit 5 Hypoglyämien in der Woche, wie von Ihnen genannt, ist meiner Ansicht nach nicht optimal, selbst wenn der HbA1c im Zielbereich liegt. Das Therapieziel sollte vielmehr sein, Unterzuckerungen soweit irgend möglich zu vermeiden und dabei einen möglichst guten HbA1c-Wert zu erreichen. Unterzuckerungen - auch "leichte" Unterzuckerungen - beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität, sondern können durch hormonelle Gegenreaktionen den gesamten Blutzuckerverlauf in Unordnung bringen. Weitere schädliche Effekte wiederholter Unterzuckerungen werden zunehmend diskutiert (z. B. Herzrhythmusstörungen, Hirnschäden, Demenz). 

zu (b): Sie fragen, ob alle Diabetiker die Möglichkeit erhalten sollten, für einige Tage eine kontinuierliche Glukosemessung (CGM) durchzuführen, um unbekannte Stoffwechselschwankungen aufzuspüren. Hier muss man ganz klar die verschiedenen CGM-Verfahren unterscheiden:
- Verblindete CGM (der Pat. sieht keine aktuellen Werte, die Glukosekurven werden nachträglich vom Diabetesteam ausgewertet): In diesem Fall ist eine kurzfristige Anwendung bei kniffligen Fragen der Therapieanpassung auf jeden Fall sinnvoll. Hierüber ist sich die Fachwelt einig.
- Offene CGM / "Realtime" CGM (der Pat. sieht jederzeit den aktuellen Glukosewert etc): Für motivierte Patienten kann der kurzfristige Einsatz einer offenen CGM segensreich sein, sozusagen als "Schulungsinstrument". In Studien ließ sich bisher jedoch nicht nachweisen, dass eine solche intermittierende Anwendung der CGM den HbA1c oder andere Parameter signifikant verbessert. Daher kann man dafür keine generelle Empfehlung aussprechen, sondern dies muss je nach Einzelfall entschieden werden. Erst ab einer Anwendungsdauer von mindestens 60-70% der Zeit (mind. 5 Tage pro Woche) kommt es auch in randomisierten Studien zu einer relevanten Verbesserung der Stoffwechsellage.

Ich wünsche weiterhin viel Erfolg mit der CGM und alles Gute!
Bernhard Gehr

Stefanie B. fragt:

Betreff: Pumpe und kontinuierliche Glukosemessung

Hallo! Ich bin seit 1995 Typ 1 Diabetiker und werde seit dem Jahr 2000 mit der Insulinpumpe behandelt. Seit März ist bei meiner Tochter im Alter von 1,5 Jahren ebenfalls Diabetes festgestellt worden. Nun steht die Frage einer Pumpenbehandlung im Raum. Haben sie Erfahrung mit Pumpentherapie in diesem Alter? Wenn ja, welche würden sie empfehlen?
MfG Stefanie B.

Dr. Gehr:

Liebe Stefanie,

für Ihre Tochter ist die Pumpe höchstwahrscheinlich genau das Richtige, nicht zuletzt weil Sie in dieser Therapieform bereits sehr erfahren sind. Für Kleinkinder gilt die Pumpe mittlerweile als Standardtherapie. An großen kinderdiabetologischen Zentren werden aktuell mehr als 60% der kleinen Patienten mit einer Insulinpumpentherapie behandelt – diese Zahlen sprechen für sich. Bei der Wahl des Insulinpumpenmodells sollten Sie z. B. auf eine möglichst fein justierbare Basalrate, eine Fernbedienung und nicht zuletzt auf die Erfahrungen Ihres behandelnden Diabetesteams achten. Eine Übersicht der aktuellen Pumpenmodelle finden Sie im Online-Anhang der CGM- und Insulinpumpenfibel (Link an anderer Stelle im Chat).

Viele Grüße

Dr. Gehr