Ein Leitfaden für Diabetes-Selbsthilfegruppen
Das Ressort Selbsthilfe von diabetesDE (Leitung Albert Pollack) hat nun den ersten „Leitfaden zum Thema Selbsthilfe bei Diabetes“ herausgebracht. Marga Bielefeld und ihr Team haben viele praktische Tipps zur Gründung einer Selbsthilfegruppe zusammengetragen.
Den Leitfaden können Sie hier als pdf downloaden.
Ein Interview mit Albert Pollack
Albert Pollack ist in Bad Vilbel, Nähe Frankfurt am Main geboren. Er ist 53 Jahre alt und seit 34 Jahren Typ-1-Diabetiker. Seit einigen Jahren leitet er in Hungen / Hessen eine 40-köpfige Selbsthilfegruppe. Er ist im Vorstand von diabetesDE, einer gemeinnützigen und unabhängigen Dachorganisation und hier als Ressortleiter für die Selbsthilfe tätig. Sein Hauptanliegen ist, Menschen mit Diabetes Informationen näherzubringen, was Selbsthilfe bei dieser chronischen Krankheit bewirken kann.
Herr Pollack, über 7 Millionen Menschen in Deutschland sind an Diabetes erkrankt, 90 % davon am sogenannten „Altersdiabetes“ Typ 2. Engagieren sich Typ-2-Diabetiker in der Selbsthilfe?
Aber ja, Sie engagieren sich, wenn es auch noch viel zu wenige sind. Da ich fast täglich Kontakte zu sehr engagierten Typ 2 Diabetikern habe, weiß ich, dass es viele aktive Senioren gibt, die geradezu eine Vorbildfunktion einnehmen für andere Menschen ihrer Altersgruppe, um ihnen Mut im Umgang mit dem Diabetes machen. Ältere Menschen besitzen aufgrund ihrer Lebenserfahrung eine hohe soziale Kompetenz. Dies ist in der Selbsthilfe eine sehr wichtige Komponente und ein hohes Gut. Ich freue mich über jedes Engagement dieser stillen Helden.
Welche Zahlen zum Typ-2-Diabetes sollten uns besonders aufhorchen lassen?
Im Alter zwischen 40 und 59 Jahren leiden zwischen 4 und 10 Prozent der Männer und Frauen an Diabetes mellitus. Bei den Menschen im Alter von 60 Jahren und drüber sind es zwischen 18 und 28 Prozent. Das ist ein eklatanter Anstieg, der besorgniserregend ist, denn hinter jeder Zahl steckt ein menschliches Einzelschicksal. Diabetes und seine Folgeerkankungen haben Auswirkungen auf das gesamte Leben des Betroffenen: auf die Partnerschaft, die Familie und den Beruf. Das „Mensch sein“ wird erheblich beeinflusst, es bedarf einer neuer Lebensein- und Umstellung. Dies fällt keinem Menschen leicht, daher kann es hier besonders hilfreich sein, sich in einer Gruppe zu engagieren. Unsere Senioren möchte ich bitten, selbstbewusster mit der Krankheit in der Öffentlichkeit umzugehen. Oftmals bestehen leider zahlreiche Vorurteile über Menschen mit Typ 2 Diabetes, für eine aufgeklärte Öffentlichkeit benötigen wir aber auch das aktive Mitwirken der Betroffenen selbst.
Welche Vorurteile sprechen Sie an?
In der Öffentlichkeit überwiegt die Meinung, dass ältere Typ 2 Diabetiker durch ihr Übergewicht ihre Krankheit mitverschuldet haben und auch nach der Diagnose nicht bereit sind, ihre Krankheit eigenverantwortlich anzugehen. Diese Verallgemeinerung ist natürlich viel zu undifferenziert, da bei der Entstehung eines Typ 2 Diabetes sehr facettenreiche Faktoren eine Rolle spielen. Erbliche Vorbelastungen, die im eigenen sozialen Umfeld erlernten Essgewohnheiten, vor allem aber die mangelnde Bewegungsbereitschaft tragen über Jahre hinweg schleichend zum Ausbruch der Krankheit bei. Mit dem Aufschwung zur Industrienation genossen die Menschen, kleinste Wege mit dem Auto zu beschreiten und sich vor dem Fernsehen mit Unterhaltung berieseln zu lassen, anstatt Zerstreuung in der Natur zu suchen. All das begünstigt natürlich das Entstehen eines Diabetes, der inzwischen zu einer unserer größten Volkskrankheiten herangewachsen ist. Aber es spielen auch andere Krankheiten des Alters eine Rolle und selbst die Einnahme verschiedener Medikamente können Diabetes Typ 2 begünstigen oder gar mit auslösen. Mehr Wissen über die Krankheit würde die Lebensqualität auch im Alter erhöhen und ist Grundlage für ein optimales Selbstmanagement. In einer Gemeinschaft lassen sich solche Ziele natürlich einfacher umsetzen.
Sie sprechen von Gemeinschaft. Meinen Sie Selbsthilfegruppen?
Gerade ältere Menschen sind tendenziell eher einsam. Sich mit anderen auszutauschen und sich gegenseitig zu motivieren, würde also zweierlei bewirken. In einer Selbsthilfegruppe verbleibt die notwendige Zeit, Informationen und persönliche Erfahrungen intensiv zu vertiefen. Bei vielen Gruppen können auch die Partner eines Diabetikers teilnehmen, was große Vorteile besitzt. In einer Gruppe lässt es sich einfacher in einzelne Thematiken einsteigen, um etwas positiv zu verändern.
Wie groß ist die Bereitschaft, in Selbsthilfegruppen aktiv mitzuwirken?
Leider ist die Bereitschaft in der Relation zu der hohen Anzahl der Betroffenen sehr gering. Das ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen: Mangelndes Wissen über die Arbeit in einer Selbsthilfegruppe, Angst vor einer langfristigen Bindung in einer organisierten Gruppe, aber auch individuelle Vorbehalte.
Ich wünschte mir, sehr, dass ältere Menschen mehr Vertrauen und Motivation aufbringen würden, sich Gruppen anzuschließen, die deutschlandweit in allen Regionen vorhanden sind. Diese Selbsthilfegruppen gestalten sich von kleineren Gesprächskreisen bis hin zu großen Gruppen. Hier werden mannigfaltige Angebote gemacht, die neben den Informationen zum Diabetes oft auch einen menschlichen Gewinn darstellen. Es entstehen Freundschaften.
Kennen Sie ältere Menschen, die sich hieran aktiv beteiligen?
Aber selbstverständlich. Es ist immer wieder beachtlich, festzustellen, wie sich Menschen selbst in ländlichen Regionen, wo sie einige Kilometer fahren müssen, um sich zu treffen, zusammenfinden. Selbst seh- und gehbehinderte Senioren scheuen sich nicht, sich aktiv für andere Menschen einzusetzen. Das beeindruckt mich menschlich zutiefst.


