Annelies R. (79) – Die Durchstarterin

Annelies R. Patientin
Annelies R.

Den Lebensabend mit ihr hat sich ihr Ehemann (inzwischen verstorben, Anm. d. Red.) sicher etwas ruhiger vorgestellt: Rentnerin Annelies ist umtriebig, wissbegierig und immer unterwegs. Seit sie vor 20 Jahren die Diagnose Typ 2 Diabetes erhielt, hat sich ihr Tatendrang nochmal um einiges intensiviert. Während andere mit ihrem Schicksal hadern, lebenslang den Partner Diabetes an der Seite zu haben, scheint der Diabetes Annelies gerade dazu angestachelt zu haben, alles über die Krankheit wissen zu wollen.

Zunächst nimmt sie nur Tabletten, später spritzt sie Insulin, heute hat sie eine Insulinpumpe und lebt damit wunderbar. Sie hat sich mit ihrem Diabetes arrangiert. Und Annelies brennt darauf, dieses Wissen weiterzugeben, das „Leben mit dem Diabetes“. Während sie sich nach der Diagnose 1992 erst mal viele Jahre in bereits bestehenden Selbsthilfegruppen engagiert, hat sie vor kurzem den Schritt gewagt, selbst eine Selbsthilfegruppe unter dem Dach von diabetesDE zu gründen -  mit 79 Jahren. Wenn Annelies sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie dies durch, das war schon immer so in ihrem Leben.

Annelies weiß, wie wichtig der Austausch mit anderen Menschen ist. Er hilft im Umgang mit der Krankheit, wenn man sieht, dass man mit den Problemen nicht alleine da steht. Neben den Gruppentreffen des Diabetes-Treff, wie sich ihre fünfzehnköpfige Gruppe,  nennt, sind ihr gemeinsame Unternehmungen besonders wichtig: Hier ein Museumsbesuch, da ein Konzert, dort ein Tag im Schwimmbad. Die Organisation derartiger Termine empfindet Annelies als Bereicherung, nicht als Belastung.

Wenn sie sich nicht für ihre Selbsthilfegruppe engagiert, frönt Annelies ihren vielen anderen Hobbies: Klassik hören, Handarbeiten jeglicher Art und ihr ganzer Stolz: ihre eigene Trachtenpuppen-Herstellung. Annelies scheint immer Hummeln im Hintern zu haben und sich immer weiterbilden zu wollen: Ihr aktueller Favorit ist das Internet.

Sie ist eine Macherin und das war schon immer so, auch in der eigenen Familie. Die gelernte Kontoristin hat zwei Söhne groß gezogen, und einen schweren Schicksalsschlag überwunden: im Alter von zwei Jahren verstirbt ihre einzige Tochter an den Folgen eines Down-Syndroms. Das hat sie und ihren Ehemann noch enger zusammengeschweißt, bald steht die diamantene Hochzeit an. Annelies war es auch, die immer wieder neue soziale Kontakte aufbaut, als die Familie aufgrund mehrerer Versetzungen ihres Mannes für seinen Arbeitgeber, einen namhaften Schokoladenhersteller, immer wieder umziehen muss.

Vielleicht ist der Arbeitgeber ihres Mannes auch ein bisschen Schuld an ihrem Diabetes. Viele Jahre lang bringt ihr Mann ihr süße Mitbringsel nach Hause, Annelies ist eine Naschkatze und schließlich höflich - sie isst sie alle auf. Sport hat sie eher aus der Ferne gemocht, sie beobachtet lieber ihre Familie beim Sporteln mit einem Eis in der Hand, als selbst dabei zu sein. Dass Annelies Diabetes bekommt, ist letztendlich klassisch: Über Jahrzehnte falsche Ernährung und wenig Bewegung. Sie wiegt mehr als 90 kg, als ihr Hausarzt den Diabetes diagnostiziert. Heute lebt Annelies bewusster, bewegt sich mehr und versucht umzusetzen, was sie in Schulungen gelernt hat. Dennoch fällt es ihr schwer, ihren Mann von der Ernährungsumstellung zu überzeugen.

Annelies hat wie jeder andere Mensch ein Laster, das sie nicht ablegen kann:  Sie ist für ihr Leben gerne Kuchen. Einmal Naschkatze, immer Naschkatze.
Folgeerkrankung des Diabetes haben sich inzwischen eingestellt hat: Sie hat aktuell eine beginnende Retinopathie und sorgt sich nun um den Fortbestand ihrer Selbsthilfegruppe. Sollte ihre Sehkraft weiter schwächer werden, könnten sie auch nicht mehr die Homepage (www.diabetes-treff-berlin.de) aktualisieren oder E-Mails schreiben. Das würde ihr in der Seele wehtun. Seitdem sucht sie noch dringender nach einen Nachfolger als Gruppenleiter oder Gruppenleiterin, damit sie ihr Baby in guten Händen weiß.

Man kann sich das Aufhören bei ihr kaum vorstellen, auch wenn dies eher in die Vorstellung ihres Mannes von einem gemeinsamen Lebensabend passen würde.

Nicole Mattig-Fabian, Januar 2012