Grit Ott (62) – Die Zielstrebige

Grit Ott
Grit Ott

Wie kommt ein Mensch, der von sich selbst behauptet, unsportlich und ausschließlich nachtaktiv zu sein, ausgerechnet dazu, sich wochenlang tagsüber bei sengender Hitze zu Fuß über die Pyrenäen und quer durch Spanien zu quälen?

Dankbarkeit. Das ist Beweggrund Nummer 1 für Grit Ott, als sie sich 2008 entscheidet, 800 km auf dem Jakobsweg zu wandern. Dankbarkeit dafür, dass sie gerade in ihr drittes Leben starten darf. Als sie im Alter von 8 Jahren an Diabetes erkrankt, wird ihrer Mutter angetragen, ihre Tochter würde das 30. Lebensjahr kaum erreichen. Zu unerforscht waren die medizinischen Möglichkeiten in den 1950er Jahren, zu unsicher die Ärzte selbst.

Als Grit Ott ihren 60. Geburtstag feiert, kann sie es selbst kaum glauben, dass sie mit bereits 52 Jahren Diabetes auf dem Buckel ein relativ normales Leben führt. Sie sieht dies als Geschenk und will diese Dankbarkeit zurückgeben. Dabei hat es das Schicksal nicht leicht gemeint mit ihr: Augrund der Folgekrankheiten durch den Diabetes mussten Grit Ott schon drei Bypässe gelegt werden, sie leidet „nebenbei“ an weiteren Autoimmunerkrankungen und muss täglich neun verschiedene Medikamente gegen ihre Herz- und Schilddrüsenleiden einnehmen.

Neun verschiedene Medikamente, Insulin, Insulinpumpenzubehör und Teststreifen  für acht Wochen: Kein Wunder, dass der Rucksack von Grit Ott 9 kg wiegt plus einer 1 kg schweren Bauchtasche, als sie im August 2008 loswandert. 10 kg  sind für eine 1,50m große chronisch kranke Frau mehr als genug. Keinen Augenblick hat sie gezögert, nachdem auch ihr Diabetologe und ihr Kardiologe grünes Licht gegeben haben. Freunde und Familie halten sie für komplett verrückt, aber letztendlich wissen alle, wenn die Grit sich was in den Kopf gesetzt hat, ist die zierliche Person mit der riesigen Energie sowieso nicht aufzuhalten. Das mag auf ihre Kindheit zurückzuführen sein, in der sie durch die frühe Krankheit von ihrer alleinerziehenden Mutter überbehütet und alles andere als zur Selbständigkeit erzogen worden war. Selbständigkeit . Diese hat sich Grit Ott auf einem langen Weg zu sich selbst erst erarbeiten müssen.

Der lange Weg zu sich selbst, den geht sie nun zum zweiten Mal auf dem Jakobsweg. Streckenlängen bis zu 32 km am Tag bewältigt sie mit Bravour. Ohne Vollgas zu geben und mit ausreichenden Pausen benötigt sie für die mit einer Jakobsmuschel als Erkennungszeichen ausgestatteten Route statt der eingeplanten 8 nur 6 Wochen. Zu Beginn der Wanderung hat sie Probleme mit Unterzuckerungen, weil sie die positive Wirkung der Bewegung auf ihren Blutzucker nicht ausreichend einkalkuliert hat. Sie benötigt letztendlich viel weniger Basal sowie auch Bolus-Insulin als sie eingeplant hat. Von da an bewerkstelligt sie jede noch so anstrengende Etappe ohne Probleme.

Die Eindrücke, die sie in den folgenden 47 Tagen sammelt, werden ihr weiteres Leben prägen. Erstmalig weit weg von Konsum und Wohlstand, auf sich allein gestellt in den kargsten Herbergen. Sie lernt viele Menschen kennen und hört viele andere persönliche Schicksale. Gott hat anscheinend nicht nur Grit Ott einer harten Prüfung unterzogen.

Als sie am Ende ihrer Pilgerwanderung die Kirchtürme von Santiago in der Ferne entdeckt, überkommen sie die Emotionen, Tränen laufen endlos, das Unglaubliche ist geschafft. „Hallelujah“ von Leonard Cohen senden ihre engste Freunde in ein Internetcafé. Am liebsten würde sie selbst singen, so wie zu Hause mit ihren irischen Folkoreband. Sie ist glücklich und stolz.

Ein Andenken muss her: Am Strand von Finisterre wird sie fündig. Unter tausenden Jakobsmuscheln findet sie ein besonders schönes Exemplar, ihre persönliche Pilgermuschel, die sie von nun an als Talisman immer bei sich trägt.

Wieder zu Hause angekommen, steckt Grit Ott ihre Energie ins Kreative: Sie verarbeitet das Erlebte in einem Buch: „So weit mein Herz mich trägt“ erzählt anrührend ehrlich von dem ein oder anderen Stolperstein für die Diabetikerin auf dem Jakobsweg. Doch ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: Dankbarkeit.

(NMF, September 2010)