Gudrun J. (53) – Cortisonopfer

Gudrun J.
Gudrun J.

Als die in Ahlen lebende Gudrun J. im November 2003 eine Treppe hinaufstürzt  und sich eine schmerzhafte Oberarmfraktur zuzieht, ahnt sie nicht, dass dieser Tag ihr Leben nachhaltig verändern wird.  Eine Fehlhaltung  des gebrochenen Arms bedingt eine noch schlimmere Fehlhaltung im Rücken; die Schmerzen sind nun im ganzen Körper.  Erste Orthopädische Maßnahme: Cortisonspritze. Zweite orthopädische Therapie: Cortisonspritze. Dritte Stufe: Schmerztropf im Krankhaus. Vierte Stufe: noch eine Cortisonspritze, dann Koma.

Gudrun J. fällt während mit dem Auto auf dem Weg zu ihrem Orthopäden ist, um sich die nächste Cortisonspritze abzuholen, ins Koma. Sie gerät auf die Gegenfahrbahn, überlebt schwer verletzt mit einem Schädeltrauma. Wie durch ein Wunder kommt kein Mensch zu Tode. Die Frage nach der Ursache stellt im Krankenhaus keiner. Wieso fällt eine Frau, deren orthopädischen Allerweltsleiden mit Cortison behandelt wird, von einer zur anderen Sekunde ins Koma.  

Erst der Hausarzt bringt nach der Entlassung Licht ins Dunkel: Er misst bei Gudrun J. einen Blutzuckerwert von 585 mg/dl, das ist mehr als viermal so hoch als er sein sollte: Diagnose: Diabetes Typ 2. Gudrun J. war, wie sie sich selber bezeichnet „Dunkelzifferdiabetikerin“, als der Unfall passierte. Experten gehen davon aus, dass ca. 3 Mio.  Menschen in Deutschland mit einem unentdeckten Diabetes leben. Denn Diabetes ist tückisch, er kommt schleichend und tut nicht weh. Das kann, wie im Falle von Gudrun J., die nichts von ihrer chronischen Krankheit ahnte,  lebensbedrohlich sein.

Es ist erwiesen, dass Cortison den Blutzuckerspiegel anhebt.  Gesunde Menschen verkraften eine Cortisontherapie in der Regel gut, für Diabetiker kann dies fatale Folgen haben. Die Überzuckerung  löste letztendlich bei Gudrun J. das Koma aus, das ihr Leben veränderte. Noch heute leidet sie unter den Spätfolgen des Unfalls: es  wurde eine durch den Unfall hervorgerufene Epilepsie diagnostiziert, seit2005 ist sie mit 70 % Schwerbehinderung erwerbsunfähig.

Aber Gudrun J. ist keinesfalls politikunfähig. Das, was sie erlebt hat, soll eine Ausnahme bleiben. Ihre Forderung an Ärzte und Krankenhäuser: Kein Cortison ohne Blutzuckertest. Dafür geht Gudrun J. auf die Straße: zusammen mit ihrer Hausarztpraxis führt sie 4 -5 Mal im Jahr kostenlose Blutzuckermessaktionen in der Ahlener Fußgängerzone durch. Mindestens 3 neu entdeckte Diabetiker sind immer dabei. Nicht auszumalen, wenn denen dasselbe widerfahren würde wie ihr.

Um ihre Forderung „Kein Cortison ohne Blutzuckermessung“ durchzusetzen hat sie den Präsidenten der regionalen Ärztekammer von Westfalen Lippe,  Dr. Theodor Windhorst genauso kontaktiert wie die gesundheitspolitischen Sprecher im Bundestag  Daniel Bahr (FDP) und Jens Spahn (CDU). Eine  definitive Handlungsanweisung in Bezug auf die Anwendung von Cortison für Ärzte hat sie noch nicht erreicht. Nun hat sie sich diabetesDE angeschlossen, um ihre Forderungen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen

(NMF; Januar 2011)