Heike Reininghaus (44) – die Wegbeschreiterin

Heike Reininghaus (44) – die Wegbeschreiterin

….was bleibt, ist die Hoffnung, mit Leidenschaft zu sein,
was bleibt, ist das Wissen, ein Stück vom Jetzt zu sein…
(aus dem Song „Wie der Wind“)


Mut hat sie. Und Kampfeswillen. Und einen klaren Weg vor Augen. Schon ihr ganzes Leben lang. Seit Heike Reininghaus im Alter von 5 Jahren an Diabetes Typ1 erkrankte, kann sie so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen. Nach eklatantem Gewichtsverlust von 20 kg und anhaltenden Bauchschmerzen operierten die völlig überforderten Ärzte damals den Blinddarm der bereits im Koma liegenden kleinen Heike heraus, anstatt einen Diabetes zu diagnostizieren. Der markante Aceton-Geruch, auf den dann schließlich ein Mediziner aufmerksam wurde, hat sie letztendlich gerettet. Von nun an gehörten Insulininjektionen morgens und abends wie das Zähneputzen zu ihrem Leben.

Während die Erkrankung für ihre Eltern bis heute wie ein Trauma ist, nimmt Heike bereits mit 10 Jahren Ihre Krankheit selbst in die Hand. Stören tut sie das regelmäßige Spritzen auch heute kaum, sie kennt es ja nicht anders. Nur das pünktliche, geregelte Essen empfand sie natürlich als Kind besonders hinderlich. Eine Pumpe trägt sie bis heute nicht, sie kann sich diese nicht zum Körper gehörig vorstellen. Trotzdem bewundert sie, wie selbstverständlich die Kinder von heute mit ihrer Pumpe umgehen. Diese haben in Heikes Augen mehr Disziplin als so mancher erwachsene Patient, der in die medizinische Notaufnahme der Diabetes-Spezialklinik Bad Nauheim eingeliefert wird, wo Heike als medizinische Fachangestellte arbeitet. Für Diabetiker, die wieder mal ihre Insulindosis vergessen haben, hat sie kein Verständnis. Da fragt sie schon mal den Patienten direkt: „Haben Sie Spaß am Leben oder nicht?“ Dass Insulin das Lebenselixier für Menschen mit Typ 1 Diabetes ist, hat Heike Reinighaus schon seit frühester Kindheit verinnerlicht.

Die gebürtige Sauerländerin weiß seitdem:  Freundschaften und Partner werden wechseln, der Diabetes bleibt – bis ans Lebensende. Also hat sie früh angefangen, ihn zu akzeptieren und für die Krankheit ein Ventil zu finden: Als andere Mädchen noch Tagebuch schreiben, fängt die junge Heike an Songs zu texten. Sie kommt aus einer musikalischen Familie, Melodien sagen hier mehr als viele Worte. Als sie 18 ist, eifert sie ihrem Vorbild Juliane Werding nach. Unplugged, klare Botschaften, melodische Balladen, dezente Gitarrenbegleitung.

Ihr damaliger Chef, Dr. Kampmann, ermutigt sie, endlich vor Publikum aufzutreten, das nicht nur aus Freunden und Familie besteht: Die Weihnachtsfeier in der Diabetes-Klinik wird die Premiere der Sängerin Heike Reininghaus. Seitdem hat es sie gepackt: Sie gründet die Band „Reinighaus Projekt“ und investiert jede freie Minute ins Texten, Proben, Arrangieren. Ohne Musik kann sie nicht leben. Am Musikstil wird gefeilt, die Songs sind peppiger, moderner und wacher, Herbert Grönemeyer ist nun das Vorbild. Sie singt Lieder über ihr Leben, über Liebe, über ihre Krankheit.
Das finden manche befremdlich. Neulich hat ihr ein Musikproduzent ans Herz gelegt, doch lieber auf seichte Schlager umzusatteln als diese klinischen Refrains über ihre Krankheit zu texten. Und ein renommierter Radiosender fand ihre Musik zwar klasse, bescheinigte dem Thema aber „aktuell kein go“. Das sei nicht sexy. Heike Reinighaus hat zwar Verständnis, wenn jemand ihre Musik nicht mag, wenn man aber Probleme mit ihren Texten hat, wird sie zu einer Löwin, die ihr Junges verteidigt. Es will ihr gar nicht in den Sinn, dass Aids und Krebs gesellschaftsfähig sind, sie sich aber zu ihrem Diabetes nicht öffentlich outen darf.

„Ich bin nicht dick, doof, Diabetes – ich bin sexy und breche Tabus“, lacht sie. Wer sie kennt, weiß, dass es ihr dabei nicht um plumpe PR geht, sondern darum, etwas zu bewegen und die Menschen und die Gesellschaft mit ihrer Botschaft zu erreichen. Ihre neue CD heißt „Das ist mein Weg“. Heike Reininghaus wird ihren niemals aus den Augen verlieren.

(NMF, Juli 2010)