Holger B (68) - Jenseits des Klischees

Holger B.
Holger B.

Nur Dicke bekommen Diabetes! Ein Mythos, der an der chronischen Krankheit klebt wie Beton. Holger B. war sich in keinster Weise bewusst, dass er eventuell zu einer Risikogruppe für Typ 2 Diabetes gehören könnte. Als er 1996 aufgrund einer beruflichen Tauglichkeitsuntersuchung für seinen Beruf als technischer Aufsichtsbeamter nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder zum Arzt geht, wiegt er 87 kg bei 187 cm Größe.  Normalgewichtig also und durch seine Familie gab es auch keine genetische Vorbelastung. Die Diagnose, dass ausgerechnet er Diabetes hat und von nun an täglich Tabletten (Metformin) gegen seinen hohen Blutzucker nehmen musste, trifft den damals 52 jährigen völlig unvorbereitet. Er weiß auch nicht so genau, was Diabetes ist, für ihn war das bis dato eine Krankheit für viel Ältere. Klar, er hatte seit seinem 20. Lebensjahr keinen Sport mehr getrieben, war viele Jahre starker Raucher und liebte ausschließlich deftiges Essen, aber „Altersdiabetes“ wäre ihm als allerletztes für sich selbst in den Sinn gekommen.

Nach der Diagnose quält er sich fortan durch Schulungen zur Ernährung, ohne dass er den Zusammenhang von BE und Kohlenhydraten so richtig versteht. Theorie auf bunten Kärtchen mit Reis, Kartoffeln und Brot ist eine Sache, die Praxis betont er, sähe anders aus. Da geraten die Berechnungen schon mal durcheinander und das Blutzuckermessen macht er auch nicht regelmäßig, wer shoppt denn schon gerne Teststreifen auf eigene Rechnung. Der Blutzucker schwankt Jahre hin und her, er ist  alles andere als gut eingestellt.

Im Februar 2012 wird er auf Insulin umgestellt.  Deswegen wird er eine Woche in eine Spezialklinik nach Schleswig-Holstein eingewiesen, eine Woche, die sein Leben verändern soll. Holger B. lernt, wie wichtig es ist, genau zu wissen, welche Kohlenhydrate er zu sich nimmt, um die Insulindosis darauf einzustellen. Er lernt auch, den Blutzucker durch Bewegungseinheiten zu reduzieren. Er misst vor und nach der Bewegung und ist erstaunt, welch positiven Aspekt Sport auf diese Krankheit hat. Motiviert bis in die Haarspitzen recherchiert er im Internet nach Bewegungstherapien und findet das „Diabetes Programm Deutschland“, ein Laufprogramm unter medizinischer Aufsicht. Pflicht ist ein ärztliches Gutachten und ein Belastungs-EKG, bevor er sich beim Laufprogramm einschreiben kann. Dieses Belastungs-EKG sagt er, habe ihm voraussichtlich das Leben gerettet: 3 Stents müssen sofort gesetzt werden, so verengt waren bereits die Herzkranzgefäße durch den Diabetes. Doch Holger übersteht die OP gut und weiß nun genau, was er will: er will laufen. 

Im Juli 2012 beginnt er das Laufprogramm und trainiert mit anderen Diabetikern von nun an regelmäßig unter medizinischer Aufsicht auf dem Tempelhofer Flughafen. Das Training in der Gruppe beflügelt den bescheidenen und ruhigen Mann, er findet Freunde, lässt keine Trainingseinheit aus und absolviert im September seinen ersten 10-km–Lauf in 1 Stunde und 8 Minuten. Im Oktober folgt der Höhepunkt, die Gruppe nimmt am Köln-Marathon teil. Holger B. läuft die 10 km in 1 Stunde 5 Minuten. Dabei ist ihm die Zeit egal, er läuft nicht, um sich mit anderen zu messen, sondern um mit dem Messen bessere Werte zu erzielen. Um einen eventuellen Unterzucker schnell entgegenwirken zu können, läuft er nie ohne Saft, Traubenzucker und Blutzuckermessgerät. Durch das Laufen hat er schnell gelernt, wie sein Körper reagiert und kann fast auf den Kilometer genau seinen Blutzuckerwert vorhersagen. Seine Insulineinheiten kann er deutlich reduzieren, er läuft seinen Blutzucker praktisch runter. Nun will er zum ersten Mal einen Halbmarathon angehen, als chronisch Kranker mit 68 Jahren. Ein Vorbild für alle, ob dünn oder dick, ob mit Mythos oder ohne.

(NMF; Februar 2013)