Horst Lottermoser (70) – Der Paradiesvogel

Dr. Bertil Oser, Bernkastel-Kues
Dr. Bertil Oser, Bernkastel-Kues

Auf die Frage, ob er seine Ernährung umgestellt hat, antwortet Horst Lottermoser immer: „Natürlich -  die Butter steht jetzt links und der Honig rechts.“ Man kann ihm alles nehmen, nur nicht seinen Humor.  Dabei hätte der in Ostpreußen geborene Rentner allen Grund dazu, hat er doch eine wahre Odyssee zwischen behandelnden Ärzten und Klinikaufenthalten hinter sich.  Einen Typ 2 Diabetiker, der seit 25 Jahren Diabetes hat und so gut wie gar keine Folgeerkrankung ausgelassen hat, stellt man sich irgendwie anders vor. 

Horst Lottermoser arbeitet schon einige Jahre im „Gästebüro“ des Kultusministeriums der DDR in Berlin, zuständig für das Unterhaltungsprogramm der internationalen VIP-Gäste,  als im Westteil der Stadt in den 80ern das Travestieduo „Mary & Gordy“ Karriere macht.  Das Kabarett allgemein fasziniert ihn, seine Idole sind Heinz Erhardt und Gisela Schlüter.  Zu einem Faschingsball geht er in Frauenkleidern.  Als ihn keiner seiner Kollegen erkennt, weiß er, dass die Travestie seine Berufung ist.  Es fällt ihm leicht, Menschen zu unterhalten, wenn er in Kostüme schlüpft. Eine Berufung, mit der er keine Probleme hat.  Dem lebenslustigen Paradiesvogel geht es rundum gut. Umso mehr freut er sich, als seine Hausärztin ihn 1988 mit der fatalen Diagnose entlässt, sein „Diabetes wäre geheilt“. 

Als 89 die Mauer fällt,  hält Horst Lottermoser  nichts mehr: er stürzt sich ins Travestie- Nachtleben rund um den Kurfürstendamm und kreiert seine eigene Figur „Lady Man“.  Der „Tuntenball“ im ICC findet nie ohne ihn statt.  Aber das Nachtleben und ungesunde Leben fordern Tribut: Mit schweren Herzrhythmusstörungen und Vorhofflimmern wird er in die Charité eingeliefert.  Die koronare Herzkrankheit ist  Folge des nicht behandelten Diabetes. Er erhält Metformin und kommt ganz gut zu recht damit, eine Ernährungsberatung erhält er nicht. Also macht Horst Lottermoser weiter wie bislang und isst wie eh und je: deftige Sachen, vor allem viel Fleisch. Bewegung hat er nur auf der Bühne. 

1997 folgt der totale Zusammenbruch: Er hat ein Blutgerinsel im Herzen und 7 kg Wasser im Körper, es steht schlecht um ihn. „Aber ich war noch nicht dran“, lacht er tatsächlich. Es kommen weitere Folgeerkrankungen hinzu, die diabetische Retinopathie. Die Ärzte streiten sich über die medikamentöse Therapie, das Mittel, das sein Herzleiden mildert, schlägt auf die Augen, es droht die Erblindung. 50 Tage ist er in der Klinik, dann Reha in Angermünde. Mit 57 wird er in Rente geschickt, bis dahin war er Archivar im Institut für Jugendforschung. In Angermünde erhält er auch endlich eine Ernährungsberatung.  Man erstellt Essenpläne für ihn. 
 

Horst Lottermoser Foto
Horst Lottermoser - Der Paradiesvogel

Wieder zu Hause in Berlin, bemüht sich Horst Lottermoser, die Essenspläne einzuhalten. Er beginnt mit reichlich Obst und Gemüse, trinkt weiterhin keinen Alkohol.  Aber es fällt ihm schwer, weniger und vor allem das Richtige zu essen. Er schimpft über die verpackten Lebensmittel, deren  kleingedruckte Angaben Menschen mit Augenleiden kaum lesen können. Zudem ist nichts einheitlich gekennzeichnet.
 
Seit 2000 nun spritzt er Insulin und hat seinen Diabetes damit ganz gut im Griff, auch wenn er manchmal nachts wegen Unterzuckerung aufwacht. Er hat sich selbst Bewegung auferlegt: 2 Stunden geht er pro Tag spazieren, fährt von Berlin-Mitte in die Parks von Sansoussi und kennt das Holländische Viertel in Potsdam inzwischen wie seine Westentasche. Und es gibt etwas, was ihn am Leben und am Lachen hält: „Lady Man“. Noch immer tritt er  1 - 2 x im Monat auf: 1 ½ Stunden Maske, 8 Rollen, 1 Stunde Programm.  Seine Lieblingsrolle ist die von Nana Mouskouri: „Guten Morgen Sonnenschein.“ Spätestens da ist sein Humor auch bei seinem Publikum angekommen.  

(NMF, Dezember 2010)