Werner S (60) - Endstation Amputation?

Werner S.
Werner S.

Fast jeden Abend Chips und Gummibärchen satt. Wenn er weiter so lebt, hatte ihm seine Frau prophezeit, würde man ihm bestimmt irgendwann den Fuß abnehmen,  wie bei so vielen, die ihren hohen Blutzucker nicht in den Griff kriegen. Der  60-jährige Werner S. hört eigentlich immer auf seine Frau, aber wahrhaben wollte er nicht, dass ausgerechnet er ein potenzieller Kandidat für eine diabetesbedingte Amputation sein könnte.

Seit 18 Jahren leidet Werner S. an Typ 2 Diabetes. Vor drei Tagen wurde ihm der rechte große Zeh amputiert. Nun sitzt er vorübergehend im Rollstuhl. Es werden nicht nur die kleinen teuflischen Naschereien, die Erwachsene und Kinder doch eigentlich froh machen sollten, gewesen sein, die letztendlich zur Amputation  führten. Es ist vielmehr die Folge eines Lebensstils, den Werner S. nicht ändern konnte, obwohl er gewollt hätte.

Schon als Kind ist er dick, weil alle in der Familie dick sind. Mit 14 Jahren wiegt er knapp 2 Zentner bei  1,76 m Größe, an Sport ist nicht zu denken. Der gebürtige Mittelfranke stürzt sich ins Berufsleben, legt mit 17 die Gesellenprüfung als Stuckateur ab und schuftet von morgens früh bis in den späten Nachmittag. Jeden Tag ernährt er sich von 6 Wurstbrötchen und 2 Litern Cola – und freut sich trotzdem jeden Abend auf ein warmes Essen, stets deftige Hausmannskost, gerne mal Schweinshaxe. Er schafft es bis zur Selbständigkeit mit einer eigenen kleinen Firma. Das geht nicht lange gut, der Körper streikt, als er 40 ist, er kann vor Müdigkeit kaum noch arbeiten. Als er schon bei der ersten Brotzeit morgens um 9 Uhr wieder einschläft, sucht er einen Arzt auf. Der diagnostiziert  einen Blutzuckerspiegel von über 500 ml und einen HbA1c-Wert von 17,2. Werner S. weiß bis zu diesem Zeitpunkt nicht, was Diabetes ist, und wundert sich, dass es ihn trifft, denn in seiner Familie gab es bis dato keinen Diabetiker, zumindest weiß er nichts davon.

Von nun an ist sein Leben auf den Kopf gestellt: aus ist es mit der Selbständigkeit und das mit 40. Während die Angestellten schaffen gehen, muss er zu Hause bleiben. Allein mit dieser furchtbaren Diagnose der chronischen Krankheit, tagsüber allein im Haus, auf die beruflich eingespannte Ehefrau wartend, für die er von nun an fast täglich kocht. Natürlich hat er Schulungen gemacht, viele Schulungen, besonders zur gesunden Ernährung. Trotzdem bereitet er am liebsten Mehlsüßspeisen zu. Zig mal hat er versucht abzunehmen, aber irgendwann war ihm der Stress einfach zu viel. Ein Jahr lang abnehmen, um in den nächsten drei Monaten das Doppelte wieder drauf zu haben. Werner S. entscheidet sich bewusst dafür, lieber kürzer, aber in seinen Augen gut zu leben.

Dass er nun mit knapp 60 seinen Zeh verloren hat, schockiert ihn dennoch. Es war doch zunächst nur eine kleine Blase. Ein Jahr lang verbrachte er in diversen Krankenhäusern und ambulanten Einrichtungen, um die Wundheilung in den Griff zu kriegen. Das ist angesichts seines permanenten hohen Blutzuckers kaum möglich. Manche Ärzte sind überfordert, die Behandlungsteams wechseln oft und dann fängt er sich auch noch einen Keim ein, der die Heilung gänzlich verhindert. Als der Knochen schon angegriffen ist, entscheiden sich die inzwischen aufgesuchten Spezialisten für die Amputation des großen Zehs, um den Fuß zu retten.

Werner S. fragt sich seitdem,  wie lebenswert sein Leben noch ist, denn ein bisschen leben will er schon noch. Wenn er nun aus dem Krankenhaus nach Hause kommen wird, wird wieder alles anders sein: Sein von den Eltern geerbtes Haus in Herzsprung ist nicht rollstuhlgerecht. Er wird wohl von nun an erst mal im Wohnzimmer schlafen müssen, denn das Ehebett im ersten Stock ist zurzeit für ihn unerreichbar. Er wird vielleicht sogar das Haus verkaufen müssen, wer weiß, was noch kommt. Rückhalt findet er auch in depressiven Phasen bei seiner Familie, der Ehefrau, den vier Kindern und den Enkelkindern.  

Seine Frau unterstützt ihn täglich bei der Insulintherapie. Sie ist es auch, die ihm die vielen Tabletten einteilt, die er gegen die ganzen Folgeerkrankungen des Diabetes nehmen muss. Aktuell sind es  12 verschiedene, es waren aber auch schon mal 28. Welche wogegen helfen sollen, weiß er nur aufgrund seines umfangreichen Therapieplanes. Bunt sind sie fast alle. Wie die Naschereien und Gummibärlis, die er über alles geliebt hat und auf die er demnächst  verzichten will. Auch wenn er nie wirklich wusste, was eigentlich drin ist:  Purer Zucker.   

Nicole Mattig-Fabian, 30.01.2013