Kim Weisswange (53) – die Diabetes-Spürnase

Kim Weisswange
Kim Weisswange

Zehn Jahre, dann wird sie 63. Ein Alter, das eigentlich keinem Angst einjagen sollte. Für Kim Weisswange, Star-Parfümeurin aus Hamburg, ist dieses Alter aber mit einem Trauma verbunden: Ihr Vater starb mit 63 an den Folgen seines Typ-2-Diabetes, viel zu früh, viel zu schnell, viel zu unerwartet, glaubten doch alle, er hätte nur ein bisschen Alterszucker. Ihr Vater, ehemals ein Kerl von einem Mann, verfiel körperlich und seelisch im Rekordtempo. Und die Tochter konnte den Verfall ihres Vaters nicht nur sehen, sondern riechen. Kim Weisswange gehört weltweit zu den angesehensten Ausnahmeparfümeuren, ausgestattet mit einem doppelten Riechzellensatz, ihr Gedächtnis hat über 10 000 Düfte abgespeichert.

„Als mein Vater erkrankte, habe ich die Veränderung des Stoffwechsels sofort gerochen. Während er gesund männlich-würzig roch, verströmte er nun zunehmend ein saures Milieu. Der chemische Prozess, der bei der Verstoffwechslung bei einem Diabetiker passiert, lässt platt gesagt den Körper regelrecht ärgerlich, also sauer auf den zu hohen Zucker reagieren.“, erklärt Kim. „Diabetes ist eine Krankheit, die man riechen kann, man könnte mich ohne weiteres auch als Diabetes-Spürhund einsetzen.“ Während man jeden anderen aufgrund dieser Aussage für verrückt erklären würde, nimmt man der Frau, die in Südafrika aufgewachsen ist und in Los Angeles „Chemie“ mit Schwerpunkt „Kosmetik- und Parfumindustrie“ studiert hat, diese Aussage komplett ab. Sie hat eine der feinsten Nasen der Welt, Stars wie Madonna, Pierce Brosnan, viele Royals und neuerdings auch deutsche Politprominenz geben bei ihr ein sogenanntes „UNIQUE PERFUME“ in Auftrag, einen Duft, den es genau nur einmal auf der Welt gibt und die ganze Persönlichkeit des Promis ausdrückt.

Auf die Frage, wie das ideale Parfum eines Menschen mit Diabetes wäre, kommt die prompte Antwort: süß und versöhnlich. Sie würde wohl den Aromastoff Benzoe siam mit einer Vanillekomponente wählen und einen Duft wie eine Umarmung kreieren, mit einer erdigen Note. Ein Duft, der Halt gibt, ein persönlicher Bodyguard sozusagen.

Seit ihr Vater an Typ-2-Diabetes verstorben ist und sie um ihr eigenes persönliches genetisches Risiko weiß, auch zu erkranken, forscht sie selbst, ob man den Zuckerwert durch Düfte in Ergänzung zur Ernährungsumstellung in Balance bringen kann. Zu diesem Zweck hat sie sogar eine „elektronische Nase“ entwickelt, die den Blutzuckerspiegel olfaktorisch vorhersagen kann. In ihrem Bekannten- und Freundeskreis gibt es viele Diabetiker, die alle bereit waren, 14 Tage lange ihre Stoffwechselausscheidungen bestimmen zu lassen. Kim Weisswange ist überzeugt: „Die Verstoffwechselung über die Haut gibt mehr Auskunft als das Blut.“

Kim forscht aber auch in anderer Hinsicht zur heilenden Wirkung von Aromatherapie. Schon im alten Ägypten wurden Essenzen intuitiv eingesetzt, die heute empirisch Wirkung zeigen. Weihrauch z.B. hat eine antiseptische Eigenschaft. Düfte könnten Leiden mindern, vor Infektionen schützen und Ängste lindern. Während in vielen Ländern der Welt die Aromatherapie in Bereichen der Wissenschaft eingesetzt wird, z.B. in der Psychotherapie, degradiere man die Wirkung der Düfte hierzulande in den Wellnessbereich. „Wir stehen in Deutschland noch am Anfang“, ärgert es Kim. Dabei könnten Düfte Menschen bei einer Diät oder Ernährungsumstellung unterstützen, Pfefferminz, krause Minze oder Eukalyptus z.B. verstärkten das Sättigungsgefühl.

Die Welt der Düfte sollte ein Diabetiker ganz neu für sich erobern, um mehr Lebensqualität zurück zu gewinnen. Der Geruchssinn ist eng gekoppelt mit dem Geschmacksinn und umgekehrt. Wenn man durch die süßen Gerüche in Bäckereien und Fast Food-Restaurationen nicht mehr verführt und manipuliert werden möchte, solle man unbedingt den Geruchssinn trainieren, nicht den der Supernase Kim, aber jeder Mensch könne zu einem natürlichen Verhältnis zu Gerüchen zurückkommen. Leider sind sich die wenigsten Menschen ihres Geruchsinns bewusst. Inspiration findet man in der Natur oder auf dem Wochenmarkt, hilfreich könnte auch ein Satz mit 30 verschiedenen ätherischen Ölen sein. Das ist wie Memory: Jeder Geruch ruft ein anderes Bild der Kindheit hervor.

Kim Weisswange arbeitet seit Jahren mit den ganz großen Stars zusammen. Als eines Tages die Tür aufging und Musikerin Nena in der Tür stand, ahnte sie nicht, dass sich daraus nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch eine geschäftliche Partnerschaft ergeben sollte. Kim hatte gerade eine zuckerfreie Limonade mit Essenzen wie Orangenblüte und Granatapfel kreiert. Ein Produkt, das Nena, die seit ihrem 20. Lebensjahr Zucker meidet, immer schon vor Augen hatte, und nun führte der Zufall beide Frauen zusammen. Mittlerweile gibt es vier Geschmacksrichtungen der „Nena-Limonade“ auf dem Markt mit dem Slogan „Zucker war gestern“. Das Frauen-Power-Duo arbeitet an weiteren zuckerfreien Produkten und Kim Weisswange forscht natürlich weiter. Schließlich will sie in zehn Jahren noch genauso lebensfroh sein, vor allem ohne Diabetes.

Nicole Mattig-Fabian, März 2017