Insulin-Purging und Bulimie:

Essstörungen bei Typ 1 Diabetes besonders gefährlich

Essstörung
Berlin, 10.06.2015

Etwa doppelt so oft wie gesunde Frauen im gleichen Alter, leiden junge Typ 1 Diabetikerinnen an einer Essstörung. Verbreitet ist dabei vor allem die Bulimie. Zu häufig übersehen Ärzte und Verwandte jedoch das unangebrachte Essverhalten – auch deshalb, weil Menschen mit Diabetes Typ 1 nicht unbedingt klassische Symptome aufweisen. Welche Anzeichen Familienmitglieder ernst nehmen sollten, erklärt der Experte Professor Dr. med. Stephan Herpertz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum im nächsten Chat von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe am 11. Juni 2015. Fragen können bereits jetzt, gerne auch anonym, eingesendet werden. 

Typisch für essgestörte Patientinnen mit Diabetes ist das sogenannte Insulin-Purging. Dabei spritzen sie sich bewusst weniger Insulin als nötig. In Folge bleiben mehr Kohlenhydrate im Blut. Diese Kalorien werden dann über den Urin ausgeschieden. Die Patientinnen zahlen dafür mit ihrer Gesundheit: Denn der dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel schädigt Gefäße und Nerven.

Häufig hängt die Essstörung mit Selbstwertproblemen zusammen. Typ 1 Diabetes entwickelt sich oft im Jugendalter. „Also dann, wenn sich die Betroffenen intensiv mit sich selbst auseinandersetzen“, sagt Professor Herpertz. Mit Beginn der Insulintherapie nehmen viele Patienten an Gewicht zu. Insbesondere bei jungen Frauen führt das zu einer Unzufriedenheit mit ihrem Körper. „Mitverantwortlich für die Entwicklung einer Essstörung könnte zudem die ständige Auseinandersetzung mit Nahrungsmitteln, Gewichtsregulation und körperlicher Aktivität sein“, so Herpertz. Einige versuchen mit einem gestörten Essverhalten auch den Stress zu bewältigen, den die chronische Krankheit auslöst. Im Gegensatz zu gesunden Altersgenossen müssen sie täglich Insulin spritzen und etwa bei Alkoholkonsum immer die Gefahr einer Unterzuckerung bedenken.

Wenn Gewicht und Blutzuckerwerte bei jugendlichen Patientinnen mit Typ 1 Diabetes stark schwanken, ist das häufig ein Hinweis auf eine Bulimie, weiß der Experte. Aber auch Unzufriedenheit der Betroffenen mit dem eigenen Körper, das Benutzen mehrerer Blutzuckermessgeräte, das Wechseln der Batterien oder des Datums vor dem Arztbesuch und die Verringerung der Anzahl täglicher Blutzuckermessungen können Hinweise auf eine Essstörung sein.

Patienten ist dann als Mittel der Wahl eine Psychotherapie zu empfehlen. „Wichtig ist dabei, dass der behandelnde Therapeut sich mit Diabetes auskennt. Darüber hinaus ist zu erwägen, auch die Familie der Patientin mit in die Behandlung einzubeziehen“, betont Professor Herpertz und ergänzt: „Häufig ist das Ergebnis der Behandlung sehr positiv. Denn bei vielen Patientinnen mit Diabetes stabilisiert sich langfristig der Blutzuckerspiegel.“ Das Risiko für Spätschäden kann so reduziert werden. 

Quellen:

Rodin GM, Daneman D. Eating disorders and IDDM. A problematic association. Diabetes Care 1992; 15:1402–1412

Goebel-Fabbri AE. Diabetes and eating disorders. J Diabetes Sci Technol 2008; 2: 530–532

Stephan Herpertz, „Essstörungen bei Diabetes mellitus“, Diabetes aktuell 2014; 12 (8): 350–353

Petrak  F, Herpertz  S, Handbuch Psychodiabetologie, Springer Verlag 2013