Diabetes und Depression

Expertenchat mit Dipl.-Psychologen Dr. Berthold Maier

Am 29. November 2018 findet der Experten-Chat zum Thema "Diabetes und Depression" mit Dipl.-Psychologen Dr. Berthold Maier statt. Er beantwortet Ihre Fragen live am Donnerstag zwischen 17:00 und 19:00 Uhr.

Dr. phil. Dipl. Psych. Berthold Maier, Bad Mergentheim
Dr. phil. Dipl. Psych. Berthold Maier, Bad Mergentheim

Dr. phil. Dipl. Psych Berthold Maier

Theodor-Klotzbücher-Str 12
97980 Bad Mergentheim
Protokoll der Sprechstunde

Betreff: Diabetes und Depression

Frage: 

Hallo Ich habe seit meinem 11. Lebensjahr Typ I Diabetes und bin jetzt 31 geworden. Die Krankheit hat nie einen großen Stellenwer für mich gehabt, ich habe immer funktioniert und bin wie ein Roboter die notwendigen Schritte für meinen Diabetes gegangen. Allerdings ist das alles insgesamt in den Jahtren viel zu kurz gekommen. Bin immer nachlässiger geworden und habe immer weniger Rücksicht auf die Erkrankung genommen. Unterzuckerungen sind ein tägliches Problem geworden. Mein morgendliches Insulin (6 E. für 4 BE) will ich aber nicht reduzieren, da ich sonst trotz Bolus-Abstand zum Frühstück erhebliche Blutzuckerspitzen weit über 200 mg/dl habe. Jetzt funktioniere ich also nicht mehr, Ich habe zwar noch keine klassischen Spätschäden an Nerven, Augen und Gefäßen, aber habe hormonelle Probleme (bin mit 55 kg aber nicht übergewichtig!) zúnd einen erhöhten Blutdruck trotz meins eher Untergewichts. Hinzu kommt jetzt auch und das ist das Schlimmste: Ich bin nun schwerhörig und trage ein Hörgerät. Ich habe seit einem 1/2 Jahr das Gefühl gehabt trotz Gerät nicht immer gut zu hören. Mir geht es gerade gar nicht gut, habe Depressionen weshalb ich auch derzeit arbeitsunfähig bin. Ich trage übrigens seit 10 Jahren eine Insulinpumpe mit Insuman-Infusat. Mit Novorapid hatte ich such mal in der Pumpe aber eine ganz schlimme Unterzuckerung. Können Sie mir einen Tipp geben, wie ich wieder in den Alltag starten kann und die Motivation bekomme, etwas für mich zu tun? Ich weiß ja, dass es ein Fehler ist, sich hängen zu lassen, aber der innere Schweinehund wurde mit den jahren immer größer und ich kann mich nun zu gar nichts mehr aufraffen! Danke und Gruß Elena

Antwort: 

Sehr geehrte Elena,

Sie beschreiben sehr anschaulich, wie Sie nach Jahren des „Funktionierens mit dem Diabetes“ seelisch „aus dem Gleichgewicht“ geraten sind. Nach einer Phase der schrittweisen Vernachlässigung der Therapie kam es zu einigen Ereignissen und Beschwerden, die Ihnen zunehmend zu schaffen machen. Sie erleben - neben der Sorge um die Blutzuckerwerte und der Angst vor Komplikationen - besonders die Schwerhörigkeit als besonders belastend.  Sicherlich haben Sie häufig erfahren müssen, dass das „schlechte Verstehen“ von Mitmenschen zu Missverständnissen führt, misstrauisch macht und fortwährend Ängste „am Leben erhält“. Allein von der Schwerhörigkeit ist bekannt, dass sie zu Depressionen führen kann.  Gerne darf ich Ihnen meine „ungefilterten Ideen“ übermitteln, was Sie für sich tun können, um, wie Sie schreiben, „wieder in den Alltag starten zu können“.

- Sicherlich sind Sie bereits um eine gute Behandlung Ihrer Schwerhörigkeit bei Ihrem HNO-Arzt und Hörakustiker bemüht. Helfen Sie durch stete Rückmeldung, dass die Behandlung der Schwerhörigkeit bei Bedarf verbessert und immer wieder angepasst wird. Darüber hinaus bietet der Deutsche Schwerhörigenbund (https://www.schwerhoerigen-netz.de/) mit entsprechenden Beratungsstellen vielfältige Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten an.  

- Behandlung der Depression:  Nachdem Sie derzeit arbeitsunfähig sind, nehme ich an, dass die Diagnose einer Depression bereits gestellt wurde.  Wird diese aktuell auch (ausreichend) behandelt?  Meine Empfehlung wäre (falls nicht schon geschehen), dass Sie sich um einen Therapieplatz bei Psychologischen Psychotherapeuten für Menschen mit Schwerhörigkeit bzw. für Hörgeschädigte bemühen.  Dazu wäre meine Empfehlung, Ihre Krankenkasse oder Kassenärztliche Vereinigung schriftlich zu kontaktieren und nach entsprechenden Adressen spezialisierter Psychotherapeuten in Ihrer Region nachzufragen. Der Deutsche Schwerhörigenbund kann Ihnen dabei sicherlich auch weiterhelfen.

- Sind Sie aktuell mit Ihren Glukosewerten zufrieden? Versuchen Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt / Diabetologen, Ihre Insulinpumpentherapie anzupassen (falls nicht bereits geschehen). Eine Unterstützung könnte hierbei auch die Verwendung eines Glukosesensors sein, der Sie bei einem abfallenden Glukosewert durch ein Vibrationssignal rechtzeitig vor einer Unterzuckerung warnt und Sie somit seelisch entlasten könnte.

- Den Tag strukturieren:  „sich zu nichts mehr aufraffen zu können“ ist ein verbreitetes Anzeichen einer Depression. Versuchen Sie, sich nicht treiben zu lassen, sondern ganz bewusst ihren Tag zu planen. Ein schriftlicher Tagesplan oder andere Organisationshilfen (z.B. Erinnerungsfunktion im Handy) kann dabei äußerst hilfreich sein. Nehmen Sie sich eher eine kleine Aufgabe vor, die Sie als machbar einschätzen und konzentrieren Sie sich darauf, diese zu Ende zu bringen.  Vielleicht stellt sich dann bei Ihnen ein wenig das Gefühl der Zufriedenheit ein, wenn Sie diese Aufgabe geschafft haben und als Erfolg auf ihrem „inneren Konto“ verbuchen können. Gehen Sie dann mit kleinen Schritten an die nächste Aufgabe, von der Sie glauben, dass Sie diese schaffen könnten. Versuchen Sie auch, einen Tagesrhythmus einzuhalten. Wenn möglich, achten Sie darauf, möglichst zu festen Zeiten aufzustehen, auch am Wochenende. Eine andere Idee ist, dass Sie nahestehende Personen bitten, Sie darin zu unterstützen, wieder zu einem geregelten Tagesablauf zu finden. Dies kann zum Beispiel darin bestehen, dass Sie eine Person bitten, Sie morgens zu wecken,  oder Sie an die Insulinabgabe zu erinnern. Vielleicht vereinbaren Sie aber z.B. eine feste Zeit für einen gemeinsamen Spaziergang.

-  Bewegung an der frischen Luft: Körperliche Bewegung an der frischen Luft ist ein natürliches Antidepressivum. Bereits 15 bis 30 Minuten körperliche Aktivierung und Bewegung am Tag haben bei Depressionen einen sehr positiven Einfluss auf die Stimmung - am besten bei Sonnenlicht. Denn dieses "erhellt" Ihre Stimmung im wahrsten Sinne des Wortes. Für Ihre Blutzuckerwerte ist dies sicher auch von Vorteil!

-  Auf die Ernährung achten: Eine ausgewogene Ernährung ist gerade bei depressiver Stimmung sehr sinnvoll, da Essen eine positive Wirkung auf die Stimmung haben kann. Versuchen Sie regelmässig zu essen und besonders ein tägliches Frühstück einzunehmen. 3 bis 5 Mahlzeiten am Tag sorgen bereits für eine Tagesstrukturierung, während unregelmässiges Essen leicht zu Reizbarkeit, Kopfschmerzen und Heisshungerattacken führen kann.

-  Umgang mit Stress: Depressionen stellen selber schon eine schwere Belastung dar. Daher kann es sinnvoll sein, andere Belastungen möglichst zu minimieren. Versuchen Sie Aufgaben zu reduzieren, zu vereinfachen und setzen Sie Prioritäten. Überforderung und Stress können das Problem verschlimmern: Gönnen Sie sich daher auch einmal gezielt eine Pause oder Auszeit für Ruhe und Entspannung. Wenn Sie merken, dass der Diabetes Ihnen zur Zeit auch zu viel Kraft raubt, überlegen Sie, wer Ihnen vielleicht bei der Behandlung  helfen könnte oder sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob ein einfacheres Therapieregime oder nicht so ehrgeizige Behandlungsziele für Sie im Moment eine Hilfe darstellen könnten.

-  Keine wichtigen Entscheidungen treffen, welche Ihre Zukunft betreffen:  Während einer Depression nehmen Menschen die Realität häufig oft sehr verzerrt wahr und sehen sie durch eine negativ getönte Brille. Daher sollten Sie wichtige Entscheidungen, z.B.  die Trennung vom Partner, ein Arbeitsplatzwechsel oder die Entscheidung für eine andere Therapieform des Diabetes möglichst nicht während einer depressiven Phase treffen.

Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen bald wieder besser geht und Sie wieder zu einem guten Lebensgefühl zurückfinden.

 

Herzliche Grüße,

Berthold Maier

      

Betreff: Diabetes und Depression

Frage: 

Lieber Herr Maier, ich schreibe als Angehörige eines an Diabetes Erkrankten. Mein Mann hat seit zwei Jahren Typ 2 Diabetes und ist aufgrund dessen, dass er zu spät erkannt wurde, ist er innerhalb von Wochen erblindet. Er hat auh eine nekrose und Probleme mit dem Herzen. Zudem leidet er – natürlich als Folge dieser ganzen Lebenseinschränkungen – an Depressionen. Das macht unsere beziehung kaputt. Ich weiß nicht an wen ich mich am besten wenden kann, denn als gesunder Mensch bin ich in der Verantwortung für den kranken Partner und der Situation völlig ausgeliefert. Seit 2 Jahren findet mein Leben nicht mehr statt. Wissen Sie einen Rat, oder haben einen Tipp an wen ich mich als Angehöriger wenden kann? MfG Hannelore

Antwort: 

Sehr geehrte Hannelore,

es ist für einen Außenstehenden kaum zu ermessen, welche Kraft es Sie kostet, mit zu verfolgen, wie Ihr Mann unter den Folgen des Diabetes leidet. Gleichzeitig kann man nur erahnen, dass Sie selbst wahrscheinlich immer wieder am Ende Ihrer Kräfte und Ihrer Nerven sind. Sicherlich kämpfen Sie und Ihr Mann mit Gefühlen der Verbitterung, dass der Typ 2 Diabetes zu spät erkannt wurde.  Ebenso empfinde ich ganz viel Respekt und Achtung, dass Sie für Ihren Mann da sind,  - trotz der erlebten Belastungen und für Sie und Ihre Beziehung.

Zunächst würde ich Ihnen empfehlen, einen engen Kontakt mit einem Diabetesteam herstellen (was Sie wahrscheinlich schon getan haben). Das Diabetesteam könnte Ihnen Anlaufstellen für praktische Hilfen vermitteln und für Sie den Kontakt zu spezialisierten Praxen und Einrichtungen herstellen, um vordringlich erst einmal die Herzprobleme und die Nekrose gut zu behandeln. Darüber hinaus kann ich Ihnen den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (aus eigenem Erleben) empfehlen, der umfassende Informationen für Menschen mit Sehverlust und für Sie als Angehörige bereitstellt (https://www.dbsv.org/leben-mit-blindheit-sehbehinderung.html). Ein regionaler Ansprechpartner finden Sie unter https://www.dbsv.org/landesvereine.html.  Sie erhalten dort z.B. Informationen über Möglichkeiten eines Trainings „Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF)“  für erblindete Menschen, aber auch Training in „Orientierung und Mobilität“ durch einen Rehabilitationstrainer, oder auch allgemeine / elektronische Hilfsmittel (z.B. für die Diabetesbehandlung, etwa Glukosesensoren, die bei Messungen die Werte „vorlesen“).

Der Verband informiert Sie jedoch auch darüber, welche Leistungen der Pflegeversicherung Sie und Ihr Mann in Anspruch nehmen können. Ebenso empfehle ich Ihnen, dass Sie, sobald es Ihnen Ihre Kraft erlaubt, einen Antrag auf Schwerbehinderung beim Versorgungsamt stellen. Mit dem Erhalt des Schwerbehindertenausweises und dem Merkzeichen „Bl“ sind eine ganze Reihe von Vergünstigungen verbunden (z.B. kostenlose Fahrten im öffentlichen Nahverkehr, Befreiungen und Ermäßigungen bei Steuern und der Rundfunkgebühr, bei manchen Krankenkassen die Erstattung von Fahrtkosten zu ambulanten Behandlungen). Dies alles könnte Sie und Ihren Mann mittelfristig entlasten.  

Da sich Ihr Mann und Sie in einer seelischen Ausnahmesituation befinden, würde ich Ihnen jedoch auch eine psychotherapeutische Hilfe dringend ans Herz legen. Sie können sich grundsätzlich an jede PsychotherapeutIn in Ihrer Umgebung wenden. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat eine Liste von PsychotherapeutInnen zusammengestellt, die Erfahrungen in der Beratung und Therapie von blinden Menschen und ihren Angehörigen haben  (einige von den TherapeutInnen sind selbst blind): https://www.dbsv.org/psychologische-beratung.html.  Eine andere gute Webadresse ist die „Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen“ PRO RETINA Deutschland e.V. (https://www.pro-retina.de/).  Ich wünsche Ihnen aber auch sehr, dass Sie selbst Möglichkeiten finden, sich seelisch zu entlasten und einmal „durchzuatmen“. Vielleicht gibt es in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis liebe Menschen, die gerne mit Ihrem Mann Zeit verbringen und ihn aufmuntern. Kirchliche Vereinigungen (z.B. die Caritas oder die Diakonie) bieten hierfür regional auch Besuchsdienste an. In dieser Zeit können Sie vielleicht selbst etwas tun, was Ihnen gut tut und Kraft gibt.   

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Mann das Beste, ganz viel Kraft, Geduld und alles Gute!

Herzliche Grüße,

Berthold Maier

Betreff: Diabetes und Depression

Frage: 

Sehr geehrter Herr Dr. Maier, ich habe Typ 2 Diabetes und durch Ernährungsumstellung und Sport sind meine Werte so gut geworden, dass ich Metformin abgesetzt habe. Alles ok derzeit auch mit den BZ-Werten. Aber: ich habe im Vergleich zu früher mehr Stimmungsschwankungen, werde leichter aggressiv oder ängstlich und kriege bei kleinsten Problemen richtige Adrenalinsschübe. Zudem kann ich nicht mehr Durchschlafen. Da meine Blutzuckerwerte aber immer ok waren, habe ich erst nicht an an Metformin gedacht und es erst auf andere Sachen geschoben. So und jetzt kommt es: Irgendwann fiel mir auf, dass es zeitlich Übereinstimmungen gibt und habe testweise wieder mit 1000mg angefangen - und tata: nach zwei Wochen bin ich viel ruhiger und souveräner, die "psychischen Probleme" quasi weg. Wie kann das sein? Doch der Blutzucker? Oder verändert Metformin irgendwelche Hormone? Können Sie dazu was sagen? Gibt es Erfahrungen damit, dass Metformin Depressionen verhindert, ein Absetzen verursacht??? Viele Grüße Dorothée

Antwort: 

Sehr geehrte Dorothée,

zunächst einmal möchte ich Sie beglückwünschen, dass Sie es geschafft haben, mit Hilfe einer veränderten Ernährung und mehr Bewegung so gute Blutzuckerwerte zu erzielen, dass Sie mit Ihren BZ-Werten zufrieden waren. Die Wirkungen von Metformin sind vielfältig und nur zum Teil erforscht. Metformin beeinflusst vermutlich sämtliche biochemische Systeme im menschlichen Körper. Wie es dazu kam, dass Sie nach dem Absetzen von Metformin 1000 mg mehr Stimmungsschwankungen erlebten (und umgekehrt nach der erneuten Einnahme), kann ich Ihnen nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Es ist mir jedoch nicht bekannt, dass sich das Absetzen bzw. die Einnahme von Metformin direkt auf die Stimmung auswirkt (und damit Depressionen vorbeugen oder sie auslösen kann).  Stimmungsschwankungen gehen häufig mit Unterzuckerungen und / oder starken Blutzuckerschwankungen einher. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ergaben Ihre Messungen durchgängig gute Blutzuckerwerte - unabhängig davon, ob Sie Metformin eingenommen haben. Das spricht eher gegen die Vermutung, dass Ihre seelischen Turbulenzen und die Schlafstörungen durch den Blutzucker beeinflusst wurden. Ob mit dem Absetzen und der Wiedereinnahme von Metformin 1000 anderweitige hormonelle Veränderungen „angestoßen“ werden, welche zu Stimmungsveränderungen führen können, kann ich gerne nochmals recherchieren und Ihnen meine Erkenntnisse zukommen lassen.  Generell ist jedoch in jedem Fall zu empfehlen, nur in Rücksprache mit Ihrem Arzt Metformin abzusetzen oder wieder mit der Einnahme zu beginnen (was Ihnen sicherlich bekannt ist).

Wünsche Ihnen, dass Sie in punkto „gesündere Ernährung“ und „mehr Bewegung“ auf jeden Fall am Ball bleiben - und sich dabei auch gut fühlen!

Herzliche Grüße,

Berthold Maier

Betreff: Diabetes und Depression

Friedrich fragt: 

Guten Tag, Kann es sein, dass Diabetes eine Wesensveränderung verursacht, wenn der Blutzucker schlecht eigestellt ist? Danke und Grüße Fritz

Dr. phil. Dipl. Psych Berthold Maier antwortet: 

Sehr geehrter Fritz,

danke für Ihre Nachfrage, die sicherlich viele Leserinnen und Leser interessiert. Eine schlechte Blutzuckereinstellung kann im Einzelnen bedeuten, dass die Blutzuckerwerte stark schwanken, dabei häufige Unter-  und/oder Überzuckerungen vorkommen -oder die Blutzuckerwerte dauerhaft erhöht sind. Ständige, ausgeprägte Blutzuckerschwankungen können sich tatsächlich negativ auf die Stimmung auswirken. Betroffene berichten häufig von vermehrten Frustrationen, einer erhöhten Grundanspannung und vermehrter Reizbarkeit, aber auch vom Gefühl der Hilf- und Ratlosigkeit (vor allem, wenn sie die Therapieempfehlungen sorgfältig umsetzen und die erhofften stabilen und guten Werte ausbleiben).  Ebenso beschreiben viele Menschen mit Diabetes im Zustand einer Unterzuckerung eine Veränderung ihrer Stimmung. Eine erhöhte Reizbarkeit, Aggressivität, Angst, Traurigkeit oder auch das Gefühl von Gleichgültigkeit und viele weitere Gefühlsausprägungen sind jedoch nur vorübergehender Natur - und eine direkte Folge des Glukosemangels im Gehirn. Mit der Normalisierung der Blutzuckerwerte gerät meist wieder die Stimmung „ins Lot“.  Sehr hohe Blutzuckerwerte können eventuell erklären, dass Sie sich im Moment eher geschwächt, lustlos und unwohl fühlen. Bekannt ist, dass hohe Glukosewerte die Steuerung der Stimmung im Gehirn negativ beeinflussen. Unzweifelhaft können jedoch auch Belastungen aufgrund wiederholter Unterzuckerungen (z.B. Partnerschaftsprobleme, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr oder schlicht die Angst vor weiteren Unterzuckerungen) das Wohlbefinden stark einschränken und die Entwicklung einer Depression begünstigen.    

Allerdings sind Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit und ein Gefühl der Schwäche auch Anzeichen einer Depression per se. Wenn Sie diese Symptome bei sich festgestellt haben, versuchen Sie am besten, gemeinsam mit Ihrem Arzt Ihre Diabeteseinstellung zu verbessern. Sprechen Sie aber auch unbedingt an, wie es Ihnen psychisch geht und vermeiden Sie es, eine schlechte Stimmungslage zu verharmlosen. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt, welche Maßnahmen Sie treffen können, um Ihre Blutzuckereinstellung, aber Ihr Wohlbeinfinden zu verbessern.  Wenn Sie dieses Ziel ambulant nicht schaffen, wäre eventuell auch an einen stationären Aufenthalt zu denken, wo beide Probleme gemeinsam in Angriff genommen werden können.  Zusammenfassend:  Von einer dauerhaften Wesensänderung aufgrund einer schlechten Blutzuckereinstellung würde ich nicht sprechen. Genau genommen,  verursacht nicht der Diabetes per se eine Wesensänderung. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie Sie den Diabetes erleben, - etwa, wie sehr Sie überzeugt sind, den Diabetes durch eigenes Verhalten steuern zu können, aber auch wie zuversichtlich Sie sind, Ihre Behandlungsziele zu erreichen und mit Diabetes ein gutes Leben führen zu können.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig weiterhelfen und wünsche Ihnen alles Gute!

Herzliche Grüße,

Berthold Maier            

Betreff: Komplexe PTBS, Depressionen, Dissoziation Störung und Diabetes Typ 1

M. L. fragt: 

Sehr geehrter Herr Dr. Maier, ich leide unter den o.g. Krankheiten. Dazu kommt noch Asthma, Gastritis, Neurodermitis und chronische Nesselsucht. Die Diagnose Diabetes Typ 1 bekam aber erst mit dem 35. Lebensjahr. Inzwischen habe ich eine Insulinpumpe von Medronic 640g. Leider sind meine Zuckerwerte seit einem dreiviertel Jahr nicht mehr zu kontrollieren . Vor allem in Verbindung mit meiner Psyche ist es eine Katastrophe. In der Therapie oder in der Psychosomatischen Klinik kämpfe ich immer mit Hypoglykämien, selten mit Hyperglykämien. Meine Frage dazu: Gibt es eine Möglichkeit den Diabetes diesbezüglich besser in den Griff zu bekommen? Es macht mir sehr zu schaffen. Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar. Mit freundlichen Grüßen M. L.

Dr. phil. Dipl. Psych Berthold Maier antwortet: 

Sehr geehrte Frau L.,

herzlichen Dank für Ihre offenen Zeilen. Ich empfinde ganz viel Respekt davor, wie Sie diese Belastungen bisher meistern, dabei nicht aufgeben, sondern weiter nach Hilfen suchen.

Sie schreiben, dass nicht nur Ihre Blutzuckerwerte außer Kontrolle geraten sind, sondern dass Sie auch psychisch sehr darunter leiden.  Um mehr Stabilität bei den Werten und für Ihre Psyche zu erhalten, kann ich Ihnen eigentlich erst einmal nur einen stationären Aufenthalt in einem Diabetes Zentrum empfehlen, wo mit Ihrer Mitwirkung die Pumpentherapie überprüft und optimiert werden kann, Sie gleichzeitig aber auch psychologisch betreut werden können. Wenn Sie sich für eine Behandlung im Zentrum interessieren, in dem ich tätig bin (Diabetes Zentrum Bad Mergentheim), können Sie gerne mit mir in Kontakt treten, um das Weitere zu klären.

Fürs Erste wünsche ich Ihnen jedoch viel Kraft, Geduld und alles Gute!

Herzliche Grüße,

Berthold Maier