Essstörungen bei Typ-1-Diabetes

Essstörung

Bei jungen Frauen mit Diabetes Typ 1 treten Essstörungen etwa doppelt so oft auf wie bei gesunden Frauen im gleichen Alter. Am häufigsten tritt die Bulimie auf. Essstörungen verschlechtern nicht nur den Gesundheitszustand und erhöhen damit das Sterberisiko, sie erhöhen bei Diabetes-Patienten auch das Risiko diabetischer Folgeerkrankungen an den Augen, der Niere oder den Nerven.

Essstörungen gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter.  Etwa 22 Prozent aller Kinder im Alter von 11 bis 17 Jahren zeigen Symptome. Mädchen sind mit etwa 29 Prozent deutlich häufiger betroffen als Jungen (15 Prozent).

Folgende Essstörungen können auftreten:

Bulimie (Bulimia nervosa)

Patientinnen haben Essattacken, bei denen sie große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumieren. Anschließend versuchen die Betroffenen der unkontrollierten Kalorienzufuhrt entgegen zu wirken. Sie erbrechen, nutzen Abführmitteln,  Appetitzügler, Schilddrüsenpräparate, Diuretika (harntreibende Mittel) oder hungern zeitweilig. Eine spezielle Methode bei Menschen mit Diabetes Typ 1 ist zudem das bewusste Weglassen von Insulindosen = Insulin Purging.

Dabei spritzen sich die Betroffenen gezielt zu wenig vom Blutzuckersenker Insulin, um abzunehmen. Durch den niedrigen Insulinspiegel bleibt mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann mitsamt den Kalorien über den Urin aus dem Körper schwemmen. Die Frauen verlieren zwar Gewicht, verfehlen aber das Ziel ihrer Diabetestherapie: Ihr dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel führt deutlich früher zu Schäden an Gefäßen und Nerven als bei nicht essgestörten Patientinnen.

Je älter desto häufiger nutzen Patientinnen dieses gefährliche Mittel zur Gewichtsreduktion:

Kinder zwischen 9 und 13 Jahren: ca. 2 Prozent
junge Frauen zwischen 12 und 19 Jahren: 11 Prozent
erwachsene Frauen zwischen 16 und 22 Jahren: 34 Prozent
Frauen zwischen 18 und 30 Jahren: 40 Prozent

Magersucht (Anorexia nervosa)

Patientinnen vermeiden kalorienreiches Essen. Sie erbrechen sich, nutzen Abführmittel,  Appetitzügler, Diuretika oder sind übertrieben sportlich aktiv. Das Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem erwarteten (BMI von 17,5 kg/m2 oder weniger). Bei Patientinnen in der Vorpubertät kann die erwartete Gewichtszunahme während der Wachstumsperiode ausbleiben. 90 Prozent der Magersüchtigen sind weiblich.

Binge-Eating-Störung

Patienten verlieren während dem Essen die Kontrolle darüber. Sie essen schneller als normal, sie essen große Mengen ohne hungrig zu sein bis sie sich unangenehm voll fühlen. Meistens essen Betroffene allein, da sie sich in Gesellschaft für die großen Mengen schämen. Binge-Eating-Anfälle treten mindestens einmal pro Woche über drei Monate auf.

Ursachen und Risikofaktoren für Essstörungen bei Diabetes Typ 1

Mit Beginn der Insulintherapie nehmen viele Patienten an Gewicht zu. In der Pubertät sind daher insbesondere Mädchen mit Diabetes Typ 1 durchschnittlich schwerer als ihre gesunden Altersgenossinnen - das kann zu einer Unzufriedenheit mit ihrem Körper führen.

Mitverantwortlich für die Entwicklung einer Essstörung bei Jugendlichen mit Diabetes Typ 1 könnte unter anderem die ständige Auseinandersetzung mit Nahrungsmitteln, Gewichtsregulation und körperlicher Aktivität sein. Das Thema Essen kann so eine unzweckmäßige Bedeutung in der Eltern-Kind-Beziehung bekommen.

Weitere Faktoren können das Risiko von Essstörungen erhöhen:

  • das weibliche Geschlecht 
  • frühkindliche Ernährungsstörungen
  • Familienhistorie mit Essstörungen jeder Art, Depressionen,       Substanzmissbrauch, insbesondere Alkohol, sowie Übergewicht
  • sexueller Missbrauch    
  • Familiendiäten
  • kritische Kommentare über Gewicht und Aussehen
  • erhöhter Druck, schlank zu sein
  • negativer Selbstwert
  • Perfektionismus
  • Ängstlichkeit und Angststörungen
  • Übergewicht
  • frühes erstes Auftreten der Regelblutung

Folgeerkrankungen von Essstörungen und Diabetes

  • deutlich schlechtere Blutzucker-Einstellung (HbA1c bei Patienten mit essgestörtem Verhalten: etwa 11 Prozent, ohne essgestörtes Verhalten 8,7 Prozent)
  • Insulin Purging erhöht das Risiko für ketoazidotische Ereignisse (zu hohe Konzentration von Ketonkörpern im Blut aufgrund von Insulinmangel) oder schwere Unterzuckerungen
  • deutlich früher Folgeschäden an Augen, Nieren oder Nerven

Essstörung bei Diabetes Typ 1 erkennen

Zu häufig übersehen Ärzte und Verwandte das unangebrachte Essverhalten - auch deshalb, weil Menschen mit Diabetes Typ 1 nicht unbedingt klassische Symptome aufweisen. Beim Insulin Purging berichten sie seltener von Gewichtsunzufriedenheit, benutzen weniger Abführmittel, erbrechen seltener und berichten regelmäßigeres Essverhalten als gesunde Vergleichsgruppen.

Nehmen Sie daher folgende Warnzeichen ernst - sie könnten auf Insulin Purging oder andere Essstörungen hinweisen:

  • Gewicht und Blutzuckerwerte schwanken stark (häufig ein Indiz für Bulimie).
  • Betroffene sind unzufrieden mit dem eigenen Körper.
  • Betroffene benutzen mehrere Blutzuckermessgeräte.
  • Betroffene verringern die Anzahl täglicher Blutzuckermessungen.
  • Es treten wiederholte ketoazidotische Episoden auf.
  • Beim Arztbesuch wird das Blutzuckermessgerät vergessen.
  • Beim Arztbesuch verweigern sie das Wiegen.

Prävention und Therapie

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt im Falle einer Essstörung bei Diabetespatienten eine Psychotherapie, ambulant, teilstationär oder stationär. Reine Schulungs- und Selbsthilfe-Programme allein reichen nicht aus. Hilfreiche erste Schritte, die der Arzt im Kontakt mit jungen Patientinnen mit Verdacht auf eine Essstörung beachten sollte:

  • das Gespräch sollte in einem ruhigen Rahmen stattfinden
  • nicht konfrontieren oder bloßstellen
  • aufklären über die Häufigkeit, Risiken und Ursachen und Spätfolgen
  • Hilfsangebote machen, Kontakt zu einem Psychotherapeuten vermitteln

Quellen: Skoda E et al. Komorbidität von Essstörungen... Diabetologie 2015; 10: R13-R24; Petrak F, Herpertz S. Handbuch Psychodiabetologie, Springer Verlag 2013

Aktueller Stand: Juni 2015, Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz