Diabetes und Essstörungen

Expertenchat mit Prof. Dr. med. Stephan Herpertz

Am 24. Mai 2018 fand der Experten-Chat zum Thema "Diabetes und Essstörungen" mit Professor Dr. med. Stephan Herpertz statt.

Univ. -Prof. Dr. med. Stephan Herpertz, Essen
Univ. -Prof. Dr. med. Stephan Herpertz, Essen

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz

Alexandrinenstr. 1-3
44791 Bochum
Protokoll der Sprechstunde

Betreff: Heißhunger

Nina H. fragt: 

Ich könnte manche Tage nur Essen und dann vor allem Zuckerhaltiges. Versuche es daher schon mit zuckerfreiem Süßkram, aber es hilft nur wenig. Woran liegt das und wie kriege ich das in den Griff??

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Sie schreiben „ich könnte“, aber kommt es auch zu Kontrollverlusten bei der Nahrungsaufnahme z.B. i.S. eines Kontrollverlustes oder nehmen Sie über den ganzen Tag verteilt Kalorien zu sich?. Scheidet als Ursache eine manifeste oder latente Hyperglykämie aus? Liegen „Essanfälle“ vor oder nicht Hypoglykämie-bedingtes Daueressen, so wäre von einer Binge Eating Störung zu sprechen (ein deutscher Begriff existiert nicht), hier wär evtl. an eine Verhaltenstherapie zu denken.

Betreff: Langzeitwert

Gerhard O. fragt: 

Seit 1993 bin ich Diabetiker, 74 Jahre alt, meine aktuellen Medikamente sind Janumed 50 mg früh und abends, Jardiance 10 mg früh, Lisinopril 20 mg/12,5 früh u. Tamsulosin 0,4 mg abends. Mein Langzeitwert (vierteljährlich) schwankt zwischen 7,0 (März 17), 6,8 (Sep. 17), 6,5 (Dez.17 nach KH wegen Dickdarmentzündung und 7,5 (März 18). Mein Gewicht ist stabil unter 70 kg bei 1,72 m Größe. Ich messe Mittwoch u. Sonntag früh nüchtern u. die Werte liegen zwischen 7,0 bis über 8,0, mit Ausschlägen bis 11,0 und öfters deutlich über 9,0, behandelnde Ärztin meint, Medikamente sind ausgereizt u. will tägl. Spritze prüfen. Seit November esse ich morgens Haferschleimsuppe mit geschroteten Leinsamen, im Winter, wöchentlich 2x Nordish Walking 1-1,5 Stunden, ab Frühjahr tägliche umfangreiche Gartenarbeiten, trotzdem erreiche ich nicht mehr Werte unter 6,0 wie früher, was kann ich noch tun, da ich spritzen vermeiden will.

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Sehr geehrter Herr Gerhard, mit 70 Jahren und einem solchen HbA1c wäre ich doch an Ihrer Stelle voll zufrieden. Im Gegenteil besteht doch bei einem „besseren“ HbA1c die Gefahr einer Unterzuckerung! Bei solchen Stoffwechselwerten würde ich keine Angst haben, auf Insulin umgestellt zu werden.

Betreff: Essstörung?

Barbara M. fragt: 

Hallo, meine 14-jährige Tochter hat seit 8 Jahren Diabetes Typ 1. Sie war immer eine unkomplizierte Esserin, aber seit einiger Zeit ist sie Vegetarierin und interessiert sich zunehmend für vegane Ernährung. Das ist zwar keine eigentliche Esstörung, aber ist das nicht ungesund, 1. als heranwachsendes Mädchen, 2. als Diabetikerin? fehlen ihr da nicht Vitamine (B12 zum Besipiel) und Nährstoffe? Eben wegen der Krankheit sollte sie sich doch ausgewogen und vielseitig ernähren? Wie sehen Sie das als Arzt? Mfg

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Die Vegetarier-/Vegan-Ernährung ist gerade in der Adoleszenz z.Zt. sehr modern. Gegen eine vegetarische Ernährung ist nichts einzuwenden. Bei einer Vegan-Ernährung sind die allgemeinen Vorbehalte geringer geworden. Einzig im Kindesalter sollte man diese Ernährung nicht durchführen. In der Regel wird sie schnell wieder abgelegt, da sie enorm Zeit- und teilweise auch kostenintensiv ist. Was spricht dann gegen eine Laboruntersuchung (Cheque-up), um zu schauen, ob Mangelzustände vorliegen.

Betreff: Essgewohnheiten Kleinkind

M. W. fragt: 

Guten Abend Herr Prof. Herpertz, bei unserem kleinen Sohn (5 Jahre alt) wurde vor einem Jahr Diabetes Typ 1 festgestellt. Wie seine älteren Geschwister (kein Diabetes) früher ist er gerade sehr mäkelig mit dem essen und mag überhaupt kein Gemüse. Am liebsten mag er nur Nudeln essen. In dem Alter kann man Kindern nur schwer mit Vernunft und Argumenten kommen. Bei den älteren Kindern, die jetzt in der Pubertät sind, hat sich das irgendwann von allein erledigt, aber die haben auch kein Diabetes. Was kann man da als Eltern machen?

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Diese Frage würde ich mit einer Ökotrophologin oder Ernährungsmedizinerin oder mit dem (der) behandelnden Diabetologin besprechen.

Betreff: Insulin und Bulimie

Marianne B. fragt: 

Lieber Prof. Herpertz, meine Enkelin ist 17 und seit über 10 Jahren Diabetikerin. Sie ist schon seit einigen Monaten wegen einer Essstörung in Behandlung, aber es ist ein auf und ab. Ich mache mir große Sorgen, besonders dass sie nach dem Insulinspritzen und Essen sich übergibt und dadurch eine Unterzuckerung bekommt. Wie kann ich sie unterstützen, vielleicht mit hochkalorischen Trinkflaschen aus der Apotheke? Wie lang dauert die Behandlung einer Esstörung, bis sie Erfolg zeigt? Herzliche Grüße

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Leider sagen Sie nicht, um was für eine Essstörung sich handelt. Leidet die Enkelin an einer Bulimia nervosa oder einer Magersucht? Hat sie schon einmal Unterzuckerungen bekommen, bei denen sie fremder Hilfe bedurfte?

Beste Grüße

Betreff: Insulin und Bulimie

Marianne B. fragt: 

Lieber Professor Herpertz, es handelt sich um Bulimia nervosa. Zum Glück hatte sie noch keine so schwere Unterzuckerung, dass sie ohnmächtig war. Aber so schwere Unterzuckerungen können ja schon bei gesunden Diabetikern vorkommen? Da macht es mir bei meiner Enkelin Sorge, dass es auftreten könnte, wenn sie spritzt und sich doch wieder anschließend übergibt.

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Bulimie und Diabetes Typ 1 kommen bei jungen Frauen nicht selten zusammen vor. Häufig wird die Insulin-Dosis gemindert oder das Insulin in den Abendstunden ganz weggelassen (Insulin-Purging), um dadurch deutlich an Gewicht zu verlieren, denn die Hauptsorge bei Betroffenen mit Bulimie ist das Übergewicht bzw. die Adipositas. Sollte die ambulante Psychotherapie keinerlei Erfolg haben, wäre auch an eine stationäre Aufnahme in einer psychosomatischen Klinik oder einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu denken.

Betreff: "Insulin-Purging"

Jana fragt: 

Hallo Professor Herpertz, Hallo Prof. Herpertz, wir haben das Gefühl, dass unsere 16-jährige Tochter nicht mehr regelmäßig Blutzucker misst und Insulin spritzt bzw., sie scheint es wegzulassen. Sie war und ist schlank, aber in der Pubertät wird die Figur immer mehr Thema. Darf man mit Diabetes überhaupt Diät machen und abnehmen? Sie ist normalgewichtig, fühlt sich aber pummelig. Über die Insulintherapie mag sie sowieso nicht sprechen. Von anderen eltern mit betroffenen Kindern wissen wir, dass es in der Pubertät oft vorkommt, und die werte auch schlechter werden, aber woran merkt man, das man als Eltern was unternehmen muss?

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Letztendlich u.a. an einer unzureichenden Stoffwechsellage, also hohen HbA1c – Werten. Insulin-Purging ist sicherlich sehr ernst zu nehmen, da damit ein erhebliches Risiko für diabetische Spätfolgen resultieren kann. Auch kann es zu ketoacidotischen Entgleisungen kommen, insbesondere wenn das Insulin ganz weggelassen wird. Was sagt denn der oder die diabetologische Kollege, was sagt der Hausarzt. Das Insulin-Purging dient ja der Gewichtsabnahme, die wiederum mit der Furcht vor Gewichtszunahme zusammenhängt, was in dem Alter der Adoleszenz insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen nicht selten ist. Hier sollte man schön sehr frühzeitig einen Kinder- und Jugendpsychiater bzw. Kinder- und Jugendpsychotherapeuten aufsuchen.

Betreff: Insulin-Purging

Jana fragt: 

Danke für die schnelle Antwort dazu! Diabetologe sagt, dass Probleme in der Pubertät häufig sind. Das Insulin-weglassen können wir nicht beweisen. Unsere Tochter möchte selbständig sein und fühlt sich schnell kontrolliert. Wir kommen schlecht an sie "heran". Der Diabetologe hat uns mal die Teilnahme an einer Freizeit oder Kur nur für Kinder mit Diabetes vorgeschlagen. Könnte das etwas bringen? Psychaiter wird unsere Tochter nicht wollen. Die regelmäßigen Arzttermine sind schon schwierig, wie kann man eine Jugendliche davon überzeugen, das es Sinn macht?

Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Herpertz antwortet: 

Auf ein Insulinpurging weisen wiederholte deutlich hohe BZ-Werte hin, die schwer zu erklären sind. Häufig tritt „Insulin-Purging“ am Abend auf, so dass die BZ-Werte am Morgen sehr hoch sind.

Vielleicht ist auch eine Beratungsstelle günstig, d.h. die Schwelle ist nicht so hoch. Ein „Überwachungssystem“ von Seiten der Eltern ist in der Regel nicht hilfreich, aber wichtig ist, der Tochter immer ein wohlwollendes Zuhören anzubieten. Ohne Zweifel ist das in diesem Alter besonders schwierig. Vielleicht ist die Grenze dann erreicht, wenn das HbA1c wiederholt sehr hoch ist oder ketoacidotische Entgleisungen auftreten.