Isolde Tarrach (58) – Leben unter Zucker

Isolde Tarrach

Wenn die Moderatorin und Autorin Isolde Tarrach den Raum betritt, fallen ihre langen schlanken Beine besonders auf. 50 Jahre Tanzsport, Laufen und Fitness sind nicht zu übersehen. Und doch ist seit kurzem alles anders. Wenn Isolde Tarrach aus dem Sitzen aufstehen will, braucht sie ihre Arme, um sich hochstemmen zu können. Sie leidet aktuell unter Diabetischer Amyotrophie, kurz: Muskelschwund, verbunden mit höllischen Schmerzen, eine eher seltene Folgererkrankung des Typ-1-Diabetes. 

Die Diagnose Typ 1 erhielt sie bereits vor 21 Jahren, als sie einen Infekt über ein Jahr nicht los wurde, sie immer schwächer wurde und ihr Durst unerträglich war. Dabei hatte keiner in der Familie Typ-1-Diabetes. Mit einem Blutzuckerwert von 360 mg/dl kam sie ins Krankenhaus, wurde dort eine Woche eingestellt und hatte fortan mit dem Diabetes zu leben. Eine besondere Herausforderung für eine Frau, die im Medien- und Filmbusiness arbeitet, wo Arbeits- und Essenszeiten jeden Tag variieren und kein Tagesablauf gleich ist. In den ersten Jahren konnte sie das Essen, das beim Filmcatering angeboten wurde, nie so ganz berechnen, sie hat sich damit geholfen, viel zu messen und viel hinterherzuspritzen. Außerdem ist sie für einen geregelten Tagesablauf viel zu spontan und hibbelig, ständig muss sie neue Ideen umsetzen, ruhig sitzen tut sie eigentlich nie. Ein Grund, warum Isolde Tarrach auch extrem unter Unterzuckerungen leidet. Die Panikattacken übersteht sie dann auch schon mal mit einem längeren Aufenthalt im Treppenhaus und Traubenzucker. Die Kollegen sollen möglichst wenig mitbekommen. Sie hat Angst, dass es ihre Leistungsfähigkeit und Autorität untergräbt. Trotzdem hat sie ihren Diabetes ganz gut im Griff mit einem HbA1c-Wert von 7. Nur der Diabetes selbst sieht das anders. Er ist regelrecht gemein zu ihr.

So hat die stets positiv denkende, lebenlustige Isolde Tarrach nicht nur mit den Einschränkungen durch den Muskelschwund zu kämpfen, sondern hat neben weiteren Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Polyneuropathie und Retinopathie auch eine chronische Niereninsuffizienz. Seit kurzem muss sie dreimal die Woche für 5 Stunden an die Dialyse. Das ist psychisch und physisch eine Extrembelastung und stellt sie zudem vor eine neue Herausforderung: kaliumarme Kost. Nichts mehr mit kiloweise Obst und Gemüse pro Tag. Sie muss Mahlzeiten essen, die ihr nicht schmecken. Das ist die größte Lebenseinschränkung, die sie verspürt. 

Inzwischen steht sie auf der Transplantationsliste für eine neue Niere und eine neue Bauchspeicheldrüse. Angst vor der Transplantation hat sie nicht, seit sie die potenziellen Operateure in der Berliner Charité kennengelernt hat. Sie hat sich durch die Bürokratie gebissen, bis sie in der richtigen Abteilung saß. Der Diabetes habe sie noch taffer werden lassen, sie spricht mit Ärzten auf Augenhöhe und lässt nicht locker, wenn sie meint, eine Fehldiagnose bekommen zu haben. So vermuteten die Ärzte zunächst „nur“ eine Polyneuropathie, ehe sie zu dem Ergebnis der diabetischen Amyotrophie kamen. Die neue Niere würde ihr wieder ein normaleres Leben ermöglichen. 

Aktuell muss Isolde Tarrach sich die wenige Freizeit, die sie neben dem Management der Krankheit hat, einteilen. Diese widmet sie am liebsten ihrem ersten eigenen Roman, ein gesellschaftskritisches Thema. Den Diabetes darin einzubauen, daran hat sie bislang nicht gedacht, vielleicht, weil er ja immer da ist in ihrem Leben. Ein ungebetener Gast, der nie wieder geht. Und sich nun auch noch in ihren langen Beinen festgesetzt hat. Aber die positive Isolde wäre nicht Isolde, wenn sie dem jetzigen Stillstand nicht den Kampf angesagt hätte. Sobald es wieder besser geht, plant sie ausgiebige Strandspaziergänge. Auf langen gesunden Beinen.