Ein neuer Ansatz zur Einteilung von fünf Diabetes-Arten

Holzfiguren sind in drei Gruppen aufgeteilt aufgestellt. Um jede Gruppe ist ein farbiges Band.
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Typ 1 oder Typ 2?“, „Jugend- oder Altersdiabetes?“, „Autoantikörper oder nicht?“ Die Frage, welche Art von Diabetes mellitus, war lange Zeit recht ein- bzw. zweidimensional. Längst sind aber mittlerweile weitere, teils seltenere Diabetestypen bekannt – wie etwa der LADA- oder der gendefektbedingte MODY-Diabetes. Zudem erweisen sich die Erkrankung und Therapie der unterschiedlichen Diabetes-Erkrankungen als komplex.  

Eine neue Sicht auf die Klassifizierung der unterschiedlichen Diabetes-Unterarten gab daher ein schwedisch-finnisches Forschungsteam im Jahr 2018. Deren Ansatz: eine Einteilung in fünf Diabetes-Subgruppen, die die unterschiedlichen Ursachen für einen erhöhten Blutzuckerspiegel berücksichtigt, das Risiko für Folgeerkrankungen genauer beurteilt und eine individualisierte Prävention und Behandlung ermöglichen soll.  

Die Ergebnisse der skandinavischen Cluster-Analyse konnten in der prospektiven Deutschen Diabetes-Studie (German Diabetes Study; GDS) repliziert werden: 2019 veröffentlichten Forscher*innen des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ), des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und der Universität Lund eine Cluster-Analyse, mit der die Phänotypisierung in Sub-Typen möglich war. Die Analysen zeigten: Das Risiko, bestimmte diabetesbedingte Komplikationen zu entwickeln, bestand ja nach Sub-Type bereits in den ersten fünf Jahren nach der Diagnose. Konkret weisen zwei Untergruppen schon nach der Diabetes-Diagnose ein höheres Risiko für Fettlebererkrankungen und diabetische Neuropathie auf. Unter anderem fallen zudem zwei Diabetesformen mit schwerem Krankheitsverlauf auf, die bisher unter dem Typ-2-Diabetes verborgen (siehe unten).  

Als Faktoren für die Einteilung in die fünf Typen – die alle einen erhöhten Blutzucker zur Folge haben – dienen den Forscher*innen die Variablen Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c), Alter bei Diagnosestellung, Body-Mass-Index (BMI), Vorliegen von Autoantikörpern gegen das Enzym Glutamat-Decarboxylase (GAD), Insulinproduktion sowie -wirkung. Die unterschiedlichen Merkmale der jeweiligen Patient*innen lassen dabei auf einen milden oder schweren Krankheitsverlauf geschlossen werden. Auch bei Depressionssymptomen, gesundheitsbezogener Lebensqualität, Wohlbefinden und dem Empfinden der diabetesbezogenen Belastung unterscheiden sich die Subtypen, darauf deuten Untersuchungen von DZD-Forschenden hin.

Das sind die fünf 5 Diabetes-Subtypen:

1. Schwerer Autoimmun-Diabetes („SAID“ = severe autoimmune diabetes)

Der SAID (Vorkommen: etwa 5%-15%) entspricht mit der nicht vorhandenen oder sehr geringen Insulinproduktion, einer geringen Anzahl an Betazellen, dem Vorliegen von Autoantikörpern, einem niedrigen BMI und einem schweren Krankheitsverlauf dem klassischen Typ-1- und LADA-Diabetes. Die Behandlung erfolgt mit Insulin, es besteht ein durchschnittliches Komplikationsrisiko – vor allem für die diabetische Ketoazidose.

2. Schwerer Insulinmangel-betonter Diabetes („SIDD“ = severe insulin-deficient diabetes)

Der SIDD (Vorkommen: etwa 9%-20%) ist dem SAID ähnlich, auch wenn keine Diabetes-assoziierten Antikörper vorliegen: Er wird ebenfalls zeitnah mit Insulin behandelt, um der zu niedrigen Insulinproduktion zu begegnen, die sich in einem hohen HbA1c widerspiegelt. Das Komplikationsrisiko ist überdurchschnittlich erhöht, speziell für diabetische Augenerkrankungen (Retinopathie), ein gestörtes Schmerzempfinden (diabetische Neuropathie) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

3. Schwerer Insulinresistenz-betonter Diabetes („SIRD“= severe insulin-resistant diabetes)

SIRD (Vorkommen: etwa 11%-17%) zeichnet sich aus durch eine erhöhte Insulinproduktion, eine geringe Insulinempfindlichkeit, häufig einem metabolischen Syndrom sowie einem hohen BMI. In der Therapie dieser Insulinresistenz kommen blutzuckersenkende Antidiabetika wie Metformin, SGLT-2-Hemmer, DPP-4-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten oder Insulin (im späteren Verlauf) zum Einsatz. Auch hier ist das Komplikationsrisiko überdurchschnittlich erhöht, wobei vor allem eine schnell fortschreitende diabetische Nierenerkrankung, eine nicht-alkoholische Fettlebererkrankung, Leberfibrose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen drohen.

4. Moderater Übergewichtsdiabetes („MOD“ = mild obesity-related diabetes)

Beim MOD (Vorkommen: etwa 20 %) funktioniert die Insulinproduktion normal, allerdings besteht ein erhöhtes Körpergewicht (Adipositas), oft auch ein metabolisches Syndrom und eine geringe Insulinresistenz. Begegnet wird den Symptomen mit blutzuckersenkenden Antidiabetika (Metformin, GLP-1-Rezeptoragonstien, SGLT-2-Hemmer) oder Insulin. Das Komplikationsrisiko gilt bei einem eher milden Krankheitsverlauf als unterdurchschnittlich, wobei ein erhöhtes Risiko für eine nicht-alkoholische Fettlebererkrankung besteht.

5. Moderater Altersdiabetes („MARD“ = mild age-related diabetes)

Der MARD (Vorkommen: etwa 45 %) tritt im höheren Alter bei normaler Insulinproduktion, leicht erhöhtem BMI und HbA1c-Wert auf. Betroffenen werden ebenfalls blutzuckersenkende Antidiabetika empfohlen (Metformin, DPP-4-Hemmer, SGLT-2-Hemmer, GLP-1-Rezeptoragonisten). Es besteht ein durchschnittliches Komplikationsrisiko bei eher mildem Krankheitsverlauf, wobei das Risiko für diabetische Nierenerkrankung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht ist.

Clustering-Tool des DDZ

Im Jahr 2023 präsentierte das DDZ ein Clustering-Tool, mit dem Menschen mit Diabetes einem der fünf Subtypen zugeordnet werden können. Dabei spielen der Nachweis von GAD-Autoantikörpern, das Alter bei der Diagnosestellung, der BMI, der HbA1c sowie Werte für Nüchtern-Plasma-Glucose und Nüchtern-Plasma-C-Peptid und auch das Geschlecht eine Rolle.

Der Grad der Ähnlichkeit der jeweiligen Person mit jedem der fünf Subtypen wird grafisch dargestellt, ist aber laut DDZ ausdrücklich keine Diagnose, sondern dient der Information für Interessierte. Es ersetzt weder den ärztlichen Rat noch eine Diagnosestellung und Behandlung. (Hier kommen Sie zum Clustering-Tool.)

Therapie am individuellen Verlauf ausrichten

„Das Wissen um den jeweiligen Subtyp des Diabetes kann das gezielte Screening für bestimmte Folge- und Begleiterkrankungen des Diabetes stimulieren“, so Professor Michael Roden, Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) sowie Direktor des Deutschen Diabetes-Zentrums. „Allerdings ist die Zuordnung zu einem Subtyp heute noch keine etablierte Diagnoseform und kann auch nicht zu einer speziellen Behandlungsempfehlung führen. Dazu fehlen noch viele Daten und Studien,“ so seine Einschätzung im Jahr 2023.

Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) vermeldet: Die Einteilung in Subtypen hat konkrete Auswirkungen auf die Prävention und Therapie der Volkserkrankung. „Menschen mit Typ-2-Diabetes unterscheiden sich erheblich in ihrer Stoffwechsellage, Krankheitsdynamik und Komplikationsgefährdung“, erklärte Professor Dr. med. Martin Heni, Kongresspräsident des DDG-Kongresses 2025 und Leiter der Sektion für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Ulm im Rahmen des DDG-Kongresses 2025. „Ein Teil der Patientinnen und Patienten benötigt frühzeitig eine intensive Behandlung und engmaschige Therapiebegleitung, um Folgeerkrankungen und Komplikationen zu vermeiden. Andere profitieren möglicherweise eher von einer zurückhaltenden Strategie. Wir müssen die Therapie stärker am individuellen Krankheitsverlauf ausrichten, um so Schäden zu verhindern, bevor sie entstehen.“ 

 

Quellen: DDG, DDZ, diabinfo, DZD 

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