Was für Menschen mit Diabetes beim Sport wichtig ist: Interview mit Prof. Dr. Othmar Moser

Prof. Dr. Othmar Moser lächelt freundlich in die Kamera. Seine Haare sind leicht gegelt nach hinten gelegt, er trägt einen Anzug und ein weißes Hemd.
© privat

Viele Menschen mit und ohne Diabetes nehmen sich vor, mehr Sport zu treiben, gerade jetzt zum Jahresanfang. Doch wie setzt man die guten Vorsätze am besten um? Was sollten Sie beachten, wenn Sie mit Diabetes Sport treiben? 

Prof. Dr. Othmar Moser, Professor für Leistungsphysiologie & Trainingstherapie an der Medizinischen Universität Graz, beantwortet im folgenden Interview Fragen rund um das Thema „Diabetes und Sport“.

 

 

Was raten Sie Menschen mit Typ-1-Diabetes und was Menschen mit Typ-2-Diabetes, wenn sie ihr Sportpensum intensivieren möchten?

Als Typ 1er und ehemaliger Leistungssportler weiß ich: Training ist nie „one size fits all“. Für Menschen mit Typ 1 heißt das vor allem: Insulin, Kohlenhydrate und Belastung müssen wie Zahnräder ineinandergreifen. Wer sein Pensum steigert, sollte klein anfangen, systematisch dokumentieren und aus jeder Einheit lernen: Wann fällt der Zucker, wann steigt er, wie reagiert das Basalinsulin / die Basalrate, wie das Bolusinsulin? 

Für Menschen mit Typ 2 gilt: Bewegung ist eines der stärksten „Medikamente“, die wir haben. Wichtig ist Regelmäßigkeit, eine langsame Steigerung und die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining, um Insulinsensitivität und Muskelmasse zu verbessern.

Welche Ernährungstipps würden Sie geben, wenn man beispielsweise längere Zeit Sport treibt und dabei unterwegs ist, wie zum Beispiel beim Skifahren, Wandern oder auf längeren Radtouren oder Läufen? 

Bei längeren Belastungen unterwegs braucht es eine Mischung aus schnell und langsam verfügbaren Kohlenhydraten. Ich empfehle, immer etwas dabei zu haben, das sofort wirkt, Traubenzucker, Gel, Saft – und zusätzlich etwas, das länger anhält: Müsliriegel, Banane, belegtes Brot. Dazu ausreichend Flüssigkeit und Elektrolyte. Entscheidend ist, den eigenen Körper zu kennen und rechtzeitig zu essen, nicht erst bei der Unterzuckerung.

Die eingesetzte Medizintechnik spielt bei Sport mit Typ-1-Diabetes eine entscheidende Rolle. Was muss man bei einem AID-System beachten?

Ein AID-System ist ein großartiger Trainingspartner, aber kein Autopilot. Man muss verstehen, wie es auf Bewegung reagiert: temporäre Zielwerte nutzen, rechtzeitig ankündigen, dass Sport kommt, und nach dem Training die verzögerten Effekte im Blick behalten. Sensorwerte kritisch hinterfragen und immer eine Backup-Strategie dabeihaben, also Kohlenhydrate, Messgerät, etc.

Bei Typ-2-Diabetes können kontinuierliche Glukose-Mess-Systeme (CGM-Systeme) helfen, die Auswirkung von Bewegung auf den Glukosespiegel zu kontrollieren. Für Typ 2er ohne Insulintherapie werden die Systeme noch nicht erstattet. Welchen Vorteil sehen Sie darin, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes die Systeme trotzdem auf eigene Kosten ausprobieren?

Auch bei Typ 2 ohne Insulin kann ein CGM ein Augenöffner sein. Man sieht in Echtzeit, wie stark Bewegung den Glukosespiegel senkt, wie unterschiedlich Spaziergang, Intervalltraining oder Krafttraining wirken und wie Ernährung davor und danach hineinspielt. Dieses Feedback motiviert enorm und hilft, den eigenen Lebensstil gezielt anzupassen – das ist oft mehr wert als jede theoretische Empfehlung.

Jede Bewegungsform ist besser als gar keine. Wie motivieren Sie Ihre Patient*innen zu mehr Bewegung?

Ich versuche, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Nicht mit Leistungsdruck, sondern mit der Botschaft: Jede Bewegung zählt. Kleine, erreichbare Ziele, etwas, das Freude macht, und das Bewusstsein, dass Bewegung nicht nur den Blutzucker, sondern das ganze Leben verbessert. Wenn jemand spürt, wie gut es tut, kommt die Motivation meist von selbst.