Typ-1-Diabetes in Krippe, Kita und Kindergarten: Was Erzieher*innen wissen sollten
Kinder mit Typ-1-Diabetes unterscheiden sich in ihrer kognitiven und körperlichen Entwicklung nicht von gleichaltrigen Kindern. Sie möchten genauso toben, die Welt entdecken und im Spiel mit anderen soziale Kompetenzen entwickeln. Dennoch bringt die Diagnose Typ-1-Diabetes, besonders bei Kindern unter sechs Jahren, spezifische Anforderungen mit sich. Während Familien den Diabetes-Alltag zu Hause stemmen, bringt ein Kind mit Typ-1-Diabetes auch für Sie als Erzieher*in neue Aufgaben im Kita-Alltag mit sich.
Es ist völlig verständlich, wenn Sie sich anfangs unsicher im Umgang mit Blutzuckermessungen und Insulingabe fühlen und Angst vor möglichen Notfällen wie Unter- oder Überzuckerungen haben. Diese Unsicherheiten und Ängste sind normal, lassen sich aber durch gezielte Informationen und klare Absprachen mit dem Diabetesteam und den Eltern des Kindes schnell abbauen. Im Kern geht es darum, dem Kind eine ganz normale Teilhabe am Krippen-, Kita- oder Kindergartenalltag zu ermöglichen, während sein Diabetes die Aufmerksamkeit erhält, die er benötigt.
Im Folgenden geben wir Ihnen einen Überblick darüber, worauf es im Umgang mit einem Kind mit Diabetes ankommt. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Sicherheit im Alltag gewinnen, Anzeichen von Blutzuckerschwankungen frühzeitig erkennen und so souverän dazu beitragen, dass der Diabetes im aufregenden Kitaalltag zur Nebensache wird.
Typ-1-Diabetes verstehen: Das Wichtigste für Erzieher*innen
Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper kein Insulin mehr produziert. Dieses Hormon reguliert im Körper den Energiestoffwechsel, sein Fehlen führt zu einem steigenden Blutzuckerwert. Kinder mit Typ-1-Diabetes müssen ihren Blutzucker daher stets im Blick behalten. Sie müssen die passende Insulindosis jedes Mal neu berechnen und zuführen, um ihren Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Über- oder Unterzuckerungen vorzubeugen. Wichtig: Typ-1-Diabetes ist auf eine Autoimmunreaktion zurückzuführen, daher sind Aussagen wie „Diabetes ist durch zu viel Naschen verursacht“ wird, irreführend und sollten unterbleiben.
Heutzutage nutzen die meisten jüngeren Kinder mit Typ-1-Diabetes moderne Technologien wie eine Insulinpumpe in Kombination mit einem kontinuierlichen Glukosemesssystem (CGM). Diese sogenannten AID-Systeme passen die Insulindosis weitgehend automatisch an die gemessenen Blutzuckerwerte an. Lediglich die Kohlenhydratmenge bei Mahlzeiten muss in der Pumpe oder der Steuerungs-App eingegeben werden.
Auch wenn die moderne Technologie vieles erleichtert, sind jüngere Kinder mit Typ-1-Diabetes weiterhin auf die umfassende Unterstützung eines Elternteils oder eines geschulten Erwachsenen angewiesen.
Wichtige Punkte für den Kita- und Kindergartenalltag mit Diabetes
Um Ihnen den Umgang mit Kindern mit Diabetes in Krippe, Kita oder Kindergarten zu erleichtern, haben wir die wichtigsten Punkte zusammengefasst:
- Gleichbehandlung: Kinder mit Diabetes sind genauso belastbar wie gesunde Kinder. Sie müssen weder geschont werden noch sollten sie eine Sonderrolle spielen. Wichtig: Diabetes ist nicht ansteckend!
- Individuelle Absprachen: Wie alle Kinder ist jedes Kind mit Typ-1-Diabetes ein Individuum mit eigenen Stärken, Bedürfnissen und einer individuellen Therapie. Deshalb sollten Sie persönlich mit den Eltern abstimmen, wo das Kind genau welche Hilfe braucht. Zur Unterstützung gibt es einige Broschüren für Betreuer*innen und Vordrucke, in denen Sie gemeinsam mit den Eltern die individuellen Absprachen festhalten können.
- Mahlzeiten: Sprechen Sie mit den Eltern ab, ob die mitgebrachten Nahrungsmittel zu bestimmten Zeiten gegessen werden sollen. Die Teilnahme am gemeinsamen Frühstück und Mittagessen ist in der Regel ohne Probleme möglich.
- Umgang mit Naschen: Sollte das Kind einmal zusätzlich genascht haben, besteht keine akute Gefahr. Informieren Sie jedoch die Eltern am Ende des Tages, wenn das Kind abgeholt wird, damit diese die Insulindosis korrekt anpassen können.
- Unterzuckerung erkennen und behandeln: Bei zu wenig Nahrung oder hoher körperlicher Aktivität wie auf dem Spielplatz toben kann ein Unterzucker (Hypoglykämie) auftreten. Dank moderner CGM-Systeme erhalten Sie heute meist frühzeitig einen Alarm, sodass Sie in Ruhe und gemäß der Absprache mit den Eltern reagieren können, indem Sie dem Kind beispielsweise Saft oder Traubenzucker geben. Achten Sie zudem auf individuelle Anzeichen des Kindes wie plötzliche Blässe, Zittern, Müdigkeit, Schwitzen oder auch Wesensveränderung. Weigert sich das Kind, Traubenzucker zu nehmen oder Saft zu trinken, kann dies auch ein Symptom der Unterzuckung sein. In solchen Situationen ist es wichtig, liebevoll, aber konsequent zu bleiben, um das Kind zum Essen oder Trinken zu bewegen. Zwar kann eine unbehandelte Unterzuckerung im Extremfall zur Bewusstlosigkeit führen, doch durch die moderne Diabetestechnologie sind solche Notfälle heute extrem selten geworden.
- Notfallmaßnahmen:Wird ein Kind mit Diabetes bewusstlos, muss sofort der Rettungsdienst (Tel. 112) gerufen werden. Geben Sie folgende Informationen durch: Diagnose: Diabetes mellitus Typ 1; Anlass: schwere Unterzuckerung.
- Technikprobleme können auftreten, z. B. kann der Katheter (die Verbindung zwischen der Insulinpumpe und dem Körper des Kindes) beim Toben aus der Haut rutschen oder der Sensor abfallen. In diesem Fall sollten Sie die Eltern anrufen, um die nächsten Schritte zu klären. Aber auch diese Probleme können sicher bewältigt werden.
FAQ – Die meistgestellten Fragen von Erzieherinnen und Erziehern
Bin ich verpflichtet, den Diabetes zu behandeln?
Die Diabetesbetreuung des Kindes erfolgt auf rein freiwilliger Basis. Eine Verpflichtung hierzu besteht für Erzieher*innen nicht. Durch Ihre Unterstützung und in enger Abstimmung mit den Eltern tragen Sie jedoch dazu bei, dass das Kind ganz normal eine Krippe, Kita oder einen Kindergarten besuchen kann. Die medizinische Verantwortung für die Behandlung verbleibt dabei stets bei den Eltern.
Wer schult mich korrekt über Typ-1-Diabetes?
Für die Betreuung jüngerer Kinder mit Diabetes sind spezielle Schulungen sehr empfehlenswert. Die Diabetesberater*innen aus den Kinderkliniken sind dafür ausgebildet, Teams von Kindereinrichtungen über den aktuellen Stand der Diabetes-Therapie zu informieren und mit ihnen praktisch zu üben (z.B. Insulin über die Pumpe abzugeben oder CGM-Werte zu interpretieren). Die Berater*innen wissen genau, was mit den Anforderungen des Alltags in den Einrichtungen vereinbar ist. Es ist völlig normal, wenn Sie am Anfang etwas verunsichert sind. Aber Sie werden schnell sehen: Mit etwas Erfahrung und regelmäßigem Austausch mit den Eltern wird der Umgang mit Diabetes viel leichter, als Sie zuerst erwartet haben.
Bin ich bei Fehlern versichert?
Ein vertrauensvoller Kontakt und klare Absprachen schützen Sie im Alltag vor schwerwiegenden Fehlern. Sollte es dennoch einmal zu einem Versehen kommen (z.B. wenn ein Medikament falsch verabreicht wird), sind Sie über die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung geschützt.
Wozu bin ich bei einem Notfall verpflichtet?
Bei allen Notfällen in Kindergärten sind Sie verpflichtet, zunächst Erste Hilfe zu leisten und einen Notarzt zu rufen. Das ist bei Diabetes nicht anders als bei Verletzungen oder bei einem Asthmaanfall. Der häufigste Notfall beim Typ-1-Diabetes ist eine Unterzuckerung, die zu spät bemerkt und dann nicht behandelt wurde. Heute sind Kinder mit Diabetes davor durch Alarme der Sensoren gut geschützt.
Unsere Einrichtung ist schon jetzt durch zu viele Aufgaben überfordert?
Die Betreuung sehr junger Kinder mit Diabetes kann Kita-Teams manchmal überfordern, besonders wenn auch die Abstimmung mit den Eltern herausfordernd ist. In solchen Fällen besteht die Möglichkeit einer individuellen Kindergartenbegleitung durch eine qualifizierte Fachkraft. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten, die je nach Bundesland und individueller Situation infrage kommen. Diese Kindergartenbegleitung ist eine Eingliederungs- oder Integrationshilfe gemäß §§ 112, 113 Abs. 2 Nr. 2 SGB IX und wird von den Eltern beantragt. Die Kitabegleiter*innen werden meistens von Hilfsorganisationen wie den Maltesern oder Johannitern gestellt.
Weitere Informationen & Broschüre:
Für detaillierte Informationen und praktische Hilfestellungen laden Sie unten die Broschüre „Informationen für Erzieher*innen in Kindergärten und Kita“ herunter. Diese wurde von der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische und adoleszente Endokrinologie und Diabetologie (DGPAED) mit freundlicher Unterstützung von Novo Nordisk erstellt.