Typ-2-Diabetes bei Menschen mit Migrationshintergrund

Drei Frauen lachen herzlich
© Shutterstock

Millionen Menschen in Europa haben eine Migrationsgeschichte. Doch welche Rolle spielt es für Folgeerkrankungen und das Sterberisiko, wenn man als Migrant oder Migrantin mit Typ-2-Diabetes lebt? Eine Forschergruppe um Joline W J Beulens ist mit einer Metaanalyse aus 54 Studien mit etwa 1,2 Millionen Migrant*innen dieser Frage nachgegangen.  

Menschen mit südasiatischer oder afrikanischer Herkunft, die in Europa leben, erkranken demnach häufiger an Typ-2-Diabetes als die europäische Mehrheitsbevölkerung, versterben aber trotzdem seltener an den Folgen der Erkrankung. Das Risiko für schwere kardiovaskuläre („makrovaskuläre“) Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall ist bei Personen mit eigener oder elterlicher Migrationsgeschichte um rund 28 % niedriger, das Sterberisiko um etwa 30 % reduziert.  

Eine Ursache könnten genetische Schutzfaktoren sein: Menschen aus Herkunftsländern im südlichen Afrika weisen etwa ein günstigeres kardiometabolisches Profil auf, zum Beispiel hinsichtlich der Blutfettwerte. Weitere Gründe könnten sein, dass bei Migrant*innen aus dem asiatischen und afrikanischen Raum seltener Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum oder Bluthochdruck bestehen als in der Allgemeinbevölkerung.  

Häufiger: Nephro- und Retinopathie

Mikrovaskuläre Komplikationen an Nieren und Augen wie Nephropathie oder Retinopathie kommen im Gegensatz dazu laut der Metaanalyse etwas häufiger bei Migrant*innen, die in Europa leben, vor – insbesondere bei Personen südasiatischer und afrikanischer Herkunft.  

Prof. Dr. Ina Danquah, Vorsitzende der AG Diabetes & Migration der DDG, liefert Erklärungsmodelle: „Migrantinnen und Migranten leben mitunter unter schwierigen Bedingungen: wenig Raum, prekäre Arbeitsbedingungen, Diskriminierung und psychischer Stress – all das kann eine konsequente Diabeteskontrolle erschweren.“ Auch Sprachbarrieren, Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem oder fehlende Kenntnisse über Vorsorgeangebote spielen eine Rolle. Das könnte erklären, warum schleichende diabetische Folgeerkrankungen wie Nierenschäden und Retinopathie durch Diabetes bei Personen mit Migrationsgeschichte häufiger auftreten.

Die Ergebnisse der Metaanalyse widersprechen laut den Studienmachern bisherigen Studien, die mehrheitlich aus den USA stammten und ein durchweg erhöhtes Risiko für Diabeteskomplikationen bei Migrantinnen und Migranten beschrieben hatten.

 

Quellen: British Medical Journal, DDG, diabinfo

Text: Susanne Löw 

Schlagworte
Alle Themen